{"id":308,"date":"2019-02-07T08:14:23","date_gmt":"2019-02-07T08:14:23","guid":{"rendered":"http:\/\/andreashansche.de\/?p=308"},"modified":"2019-02-07T08:14:23","modified_gmt":"2019-02-07T08:14:23","slug":"warschauer-strasse","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreashansche.de\/?p=308","title":{"rendered":"Warschauer Stra\u00dfe"},"content":{"rendered":"<p>Als die gr\u00fcnen Kacheln abgerissen wurden, die eine \u00e4sthetische Verbindung zwischen Bahnhof und Fleischereiimbi\u00df herstellten, gab es bei mir wenig Bedauern. Der Patina des alten Ostkreuz auf den verschwundenen Ziegeln werde ich l\u00e4nger nachtrauern. Die Baubahnsteige \u00fcber fast f\u00fcnfzehn Jahre, der wachsende M\u00fcll auf den Schienen, in den Gitterk\u00e4sten, wo die Arbeiter ihr Material lagerten, die Behelfsbr\u00fccken. Der wachsende Verkehr, damals (2005) stand ich morgens manchmal mit Wenigen oder Einigen auf dem Bahnsteig, jetzt sind es Viele. Eine Zeitlang existierte der Bahnhof Warschauer Stra\u00dfe nur als Haltepunkt f\u00fcr den Schienenersatzverkehr, Die S3 fuhr nur ab Ostkreuz, ich umfuhr ihn und verga\u00df ihn fast.<br \/>\nWie h\u00e4tte ich! Als die S3 wieder dorthin fuhr und dort hielt, hatte sich Einiges ver\u00e4ndert. Der Drogenhandel war da. Da\u00df polnische Punks im Sommer unter den Wei\u00dfdornb\u00e4umen sa\u00dfen, war schon 2005 so und Anfang der 2000er verteilte die Anarchistische Pogo-Partei Flugl\u00e4tter mit dem Titel: Arbeit ist Schei\u00dfe. Ich kannte den Bettler, ein hagerer Mann, der auch bei Frost auf einer d\u00fcnnen Decke sa\u00df. Es war nie sch\u00f6n. Es war auch nie sauber. Morgens ein paar Pendler, im Laufe des Tages wurde die Br\u00fccke von Leuten bev\u00f6lkert, die mi\u00dfmutig dem Laufe des Tages zu folgen schienen.<br \/>\nAm besten war sie, wenn es grau war, dann war das Wetter wie die Br\u00fccke. Bei Sonne entbl\u00f6\u00dfte sie ihre H\u00e4\u00dflichkeit brutal.<br \/>\nDer Sommer 2015 stellt einen gewissen H\u00f6hepunkt in der Geschichte der Warschauer Br\u00fccke dar. Ihr Woodstock gewisserma\u00dfen. Nie vorher oder nachher habe ich so viele gute Stra\u00dfenmusiker dort gesehen. Mit dem Drogenhandel kam das Altamont und zu den gewachsenen M\u00fcllbergen, noch mehr M\u00fcll. Auf der Behelfsbr\u00fccke sah ich ein wie irre daherlaufendes M\u00e4dchen auf mich zu kommen, neben mir kam ein schwarzer Mann die Treppe hoch, sie st\u00fcrzte auf ihn zu und verlangte Drogen. Der Schwarze lachte und hielt die H\u00e4nde vor, er w\u00e4re Passant und w\u00fcrde keine Drogen verkaufen.<br \/>\nDie Bahnsteige und Treppen waren als erste fertig. Dem eben noch frischen Beton gaben Kotze, Bier, Blut und Pisse gleich und unmittelbar eine neue Patina. Die Rolltreppe ging vier Tage lang. Hinter Blechfassaden entstand der neue Bahnhof, im Wettlauf mit der sogleich einsetzenden Zerst\u00f6rung. Der Durchgang auf der Br\u00fccke war schmaler geworden durch die Baustelle. Es gab eine Ecke, wo sich der Gang etwas verbreiterte. Einmal ging ich dort entlang, meine Aufmerksamkeit wurde j\u00e4h von einem Pl\u00e4tschern in eben diese Ecke gezogen. Ein Araber stand dort und pi\u00dfte. Er pi\u00dft mir entgegen, mich sozusagen an, w\u00e4re nicht die Verkleidung aus Blech gewesen.<br \/>\nDie Bauarbeiter bauten weiter, verkleideten die Betonkiste, zu der der neue Bahnhof langsam wurde mit Kupfer. Pl\u00f6tzlich verschwinden Metallw\u00e4nde wo G\u00e4nge waren und geben die B\u00fchne frei. Ger\u00fcste f\u00fcr Trockenbau werden eingezogen, pl\u00f6tzlich ist Werbung da: Treffen Sie Ihre Zielgruppe hier. Auf einem der grauen Paravents, hinter dem halbversteckt Bauarbeiter arbeiten steht: <em>R\u00e4uberbraut, die Welt<\/em>.<br \/>\nGestern nun schien die Sonne, f\u00fcnf Grad \u00fcber Null, ein M\u00e4dchen vor mir fa\u00dfte sich in ihr Haar. Als w\u00e4re der Winter vorbei, die M\u00e4dchen sind wieder M\u00e4dchen, die M\u00e4nner schauen und sind wieder M\u00e4nner, Diverse sind wieder Diverse. Fenster sind pl\u00f6tzlich da und erhellen die ehemals d\u00fcsteren G\u00e4nge durch die Baustelle mit Sonnenlicht.<br \/>\nEtwas wie <em>Architektur<\/em> scheint durch, auch Sch\u00f6nheit darin.<br \/>\nGott erhalte das und die Stadt Berlin und verschone uns vor Menschen, die alles fallenlassen, was sie nicht mehr brauchen: Kippen, Becher, Kn\u00fcll oder Pisse.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als die gr\u00fcnen Kacheln abgerissen wurden, die eine \u00e4sthetische Verbindung zwischen Bahnhof und Fleischereiimbi\u00df herstellten, gab es bei mir wenig Bedauern. 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