{"id":313,"date":"2019-02-11T16:26:57","date_gmt":"2019-02-11T16:26:57","guid":{"rendered":"http:\/\/andreashansche.de\/?p=313"},"modified":"2019-02-11T16:26:57","modified_gmt":"2019-02-11T16:26:57","slug":"ohne-kontext","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/andreashansche.de\/?p=313","title":{"rendered":"ohne Kontext"},"content":{"rendered":"<p>Wenn ein Text einen Kontext braucht um erkl\u00e4rt zu werden, wenn er nicht aus sich selbst heraus ist, dann ist er nichts als Ideologie oder Polemik oder Rechtfertigung, bestenfalls Journalismus.<br \/>\nDie folgenden beiden Texte sind in einem historischen Kontext entstanden. Der eine ist \u00fcber F\u00fcnfzig, der andere \u00fcber Einhundertundf\u00fcnfzig Jahre alt. Beiden Autoren geht es um etwas, was sie f\u00fcr wahr halten. Beide haben die ihre erkannte Wahrheit nicht allein in einem Denk- sondern vielmehr in einem Auseinandersetzungsproze\u00df mit sich selbst in einer Atmosph\u00e4re, die nicht unbedingt best\u00e4tigend war, errungen.<br \/>\nBeide Texte sind aktuell, als w\u00e4ren sie f\u00fcr uns jetzt geschrieben. <\/p>\n<blockquote><p>\n&#8230;<br \/>\nIch glaube, dass diejenigen, die nicht teilnahmen, ein anderes Kriterium hatten: Sie stellten sich die Frage, inwiefern sie mit sich selbst zusammenleben k\u00f6nnten, wenn sie bestimmte Taten begingen; und wenn sie es vorzogen, nichts zu tun, dann nicht etwa, weil sich die Welt dadurch zum Besseren ver\u00e4nderte, sondern weil sie nur unter dieser Bedingung mit sich selbst weiterleben konnten. Folglich w\u00e4hlten sie den Tod, wenn sie zum Mitmachen gezwungen wurden. Um es deutlich zu sagen: Nicht weil sie das Gebot >>Du sollst nicht t\u00f6ten<< streng befolgt h\u00e4tten, lehnten sie es ab zu morden, sondern eher deshalb, weil sie nicht willens waren, mit einem M\u00f6rder zusammenzuleben \u2014 mit sich selbst.\nDie Voraussetzung f\u00fcr diese Art der Urteilsbildung ist keine hoch entwickelte Intelligenz oder ein \u00e4u\u00dferst differenziertes Moralverst\u00e4ndnis, sondern schlicht die Gewohnheit, ausdr\u00fccklich mit sich selbst zusammenzuleben, das hei\u00dft sich in jenem stillen Zwiegespr\u00e4ch zwischen mir und meinem Selbst zu be\ufb01nden, welches wir seit Sokrates und Platon gew\u00f6hnlich als Denken bezeichnen. Obwohl sie allem Philosophieren zugrunde liegt, ist diese Art des Denkens nicht technisch und handelt nicht von theoretischen Fragen. Die Trennungslinie zwischen denen, die denken wollen und deshalb f\u00fcr sich selbst urteilen m\u00fcssen, und denen, die sich kein Urteil bilden, verl\u00e4uft quer zu allen sozialen Unterschieden, quer zu allen Unterschieden in Kultur und Bildung. In dieser Hinsicht kann uns der totale moralische Zusammenbruch der ehrenwerten Gesellschaft w\u00e4hrend des Hitlerregimes lehren, dass es sich bei denen, auf die unter solchen Umst\u00e4nden Verlass ist, nicht um jene handelt, denen Werte lieb und teuer sind und die an moralischen Normen und Ma\u00dfst\u00e4ben festhalten; man wei\u00df jetzt, dass sich all dies \u00fcber Nacht \u00e4ndern kann, und was davon \u00fcbrig bleibt, ist die Gewohnheit, an irgend etwas festzuhalten. Viel verl\u00e4sslicher werden die Zweifler und Skeptiker sein, nicht etwa weil Skeptizismus gut und Zweifel heilsam ist, sondern weil diese Menschen es gewohnt sind, Dinge zu \u00fcberpr\u00fcfen und sich ihre eigene Meinung zu bilden. Am allerbesten werden jene sein, die wenigstens eins genau wissen: dass wir, solange wir leben, dazu verdammt sind, mit uns selbst zusammenzuleben, was immer auch geschehen mag\n...\n\n<\/p><\/blockquote>\n<p>Hannah Arendt: &#8222;Was hei\u00dft pers\u00f6nliche Verantwortung in einer Diktatur&#8220;<br \/>\nM\u00fcnchen, Piper, 2018<\/p>\n<blockquote><p>\n&#8230;<br \/>\nDie Frage selbst bedarf wohl keiner Erhellung dazu, beantwortet werden zu k\u00f6nnen. Jedermann mu\u00df sich ja wohl selber sagen, da\u00df es nicht zu verantworten ist.<br \/>\nWas erhellt zu werden bedarf, ist daher, da\u00df, was der Staat getan hat und tut, bedeutet, Christentum, wo m\u00f6glich, unm\u00f6glich zu machen; und das kann ganz leicht und sehr kurz erhellt werden, denn der tats\u00e4chliche Zustand im Lande ist wirklich der, da\u00df das Christentum, das Christentum des Neuen Testaments, nicht nur nicht besteht, sondern, wo m\u00f6glich, unm\u00f6glich gemacht ist.<br \/>\nNimm an, der Staat setzte 1000 Beamte ein, die mit Familie davon lebten, also pekuni\u00e4r daran interessiert w\u00e4ren, Christentum zu verhindern: das w\u00e4re doch wohl ein Versuch in die Richtung, Christentum, wo m\u00f6glich, unm\u00f6glich zu machen.<\/p>\n<p>Und doch w\u00e4re dieser Versuch (der ja das Offenkundige an sich hat, da\u00df er offenkundig stattf\u00e4nde, um Christentum zu verhindern) bei weitem nicht so gef\u00e4hrlich wie das, was tats\u00e4chlich geschieht, da\u00df der Staat 1000 Beamte einsetzt, die &#8211; mit dem Anspruch, Christentum zu verk\u00fcnden (eben darin liegt die gr\u00f6\u00dfere Gefahr im Vergleich damit, ganz offenkundig Christentum verhindern zu wollen) pekuni\u00e4r daran interessiert sind, da\u00df a) die Menschen sich Christen nennen \u2014 je gr\u00f6\u00dfer die Schafherde, desto besser -, die Bezeichnung Christen annehmen, und da\u00df es b) dabei bleibt, da\u00df sie nicht erfahren, was Christentum in Wahrheit ist.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p>Gott zu verehren, indem man ihn zum Narren h\u00e4lt, [darin] liegt f\u00fcr mich etwas derart Abscheuliches und Emp\u00f6rendes, da\u00df ich, soweit ich vermag, mit aller Macht bestrebt sein werde, dazu beizutragen, da\u00df dem gewehrt wird, da\u00df die Menge der Menschen offene Augen daf\u00fcr bekommt, wie es zusammenh\u00e4ngt, und dadurch gehindert wird, schuldig an einem Verbrechen zu werden, an dem eigentlich der Staat und die Pfarrer sie schuldig gemacht haben \u2014 denn die Menge der Menschen mag noch so leichtsinnig, noch so sinnenhaft sein, es ist doch zuviel Besseres in ihr, als da\u00df sie Gott auf diese Weise verehren wollte.<br \/>\nDeshalb Licht in die Sache; den Menschen soll deutlich werden, was das Neue Testament unter Christsein versteht, auf da\u00df dann ein jeder w\u00e4hlen kann, ob er Christ sein will, oder ob er es redlich, ehrlich, ohne Vorbehalt nicht sein will; und laut soll es dem ganzen Volk gesagt werden: unendlich viel lieber ist Gott in den Himmeln, da\u00df Du &#8211; die Bedingung daf\u00fcr, da\u00df Du es m\u00f6glicherweise werden kannst &#8211; ehrlich zugibst, da\u00df Du nicht Christ bist und es nicht sein willst, als dieses Ekelerregende: Gott zu verehren, indem man ihn zum Narren h\u00e4lt.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>S\u00f8ren Kierkegaard: Ist es zu verantworten, da\u00df der Staat &#8211; der christliche Staat! &#8211; Christentum, wo m\u00f6glich unm\u00f6glich macht?<br \/>\nAus: S\u00f8ren Kierkegaard: Der Augenblick, N\u00f6rdlingen, 1988<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn ein Text einen Kontext braucht um erkl\u00e4rt zu werden, wenn er nicht aus sich selbst heraus ist, dann ist er nichts als Ideologie oder Polemik oder Rechtfertigung, bestenfalls Journalismus. Die folgenden beiden Texte sind in einem historischen Kontext entstanden. Der eine ist \u00fcber F\u00fcnfzig, der andere \u00fcber Einhundertundf\u00fcnfzig Jahre alt. Beiden Autoren geht es &hellip; <a href=\"http:\/\/andreashansche.de\/?p=313\" class=\"more-link\"><span class=\"screen-reader-text\">ohne Kontext<\/span> weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[2,4,1],"tags":[],"class_list":["post-313","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-alle-beitraege","category-der-wahnsinn","category-uncategorized"],"jetpack_featured_media_url":"","jetpack_sharing_enabled":true,"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/313","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=313"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/313\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":320,"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/313\/revisions\/320"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=313"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=313"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/andreashansche.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=313"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}