{"id":1113,"date":"2021-10-31T10:32:21","date_gmt":"2021-10-31T10:32:21","guid":{"rendered":"https:\/\/andreashansche.de\/?p=1113"},"modified":"2021-10-31T10:32:21","modified_gmt":"2021-10-31T10:32:21","slug":"die-angst-im-schatten-des-gesetzes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreashansche.de\/?p=1113","title":{"rendered":"Die Angst im Schatten des Gesetzes"},"content":{"rendered":"<p>Das Archaische reicht aus der Vergangenheit des Menschen bis dahin, wo Unbewu\u00dftes Bewu\u00dftsein wird. Es reicht in unser Rechtssystem, seine Institutionen. Es ist in unserer Sprache, in den Spielen, nicht nur denen der Kinder.<br \/>\nEs ist in jeder Zeit und Gesellschaft anders, die \u00c4gypter empfanden andere Dinge als \u00fcberwunden als die R\u00f6mer oder wir heute. Das Archaische ist das, was manche als primitiv empfinden, als nicht mehr zeitgem\u00e4\u00df.<br \/>\nEs ist das Erbe an instinktivem Verhalten in unserem Wesen, das sublimiert Kultur und Sitte wird.<\/p>\n<p>Adam erkannte sein Weib Eva. Der Begriff Erkenntnis zeigt in der Sprache, wie das Archaische in sie hineinreicht. Erkenntnis ist Sex, als das Begreifen des begehrenswerten Anderen. Es ist Liebe. Es ist Erkenntnis als intellektuelle Kulturleistung, durch die wir moderne Menschen wurden. Erkenntnis reicht vom Kreat\u00fcrlichsten zum Intellektuellen, sie ist archaisch und modern zugleich.<\/p>\n<p>Archaisch ist die Rache, die Ekstase, die Aggression, der Krieg, die Autorit\u00e4t der Alten, das Tabu, der Tribalismus der Horde und sein Verlangen nach Loyalit\u00e4t. Es ist das Wort, das ich halten mu\u00df, bei meinem Leben. Es ist der Aberglaube, der Glaube daran, da\u00df alles beseelt ist.<\/p>\n<p>Das Archaische ist der Fall-Back-Modus, wenn es kulturell nicht mehr geht.<br \/>\nWir haben durchaus Lust an der Verfeinerung, der Differenzierung, an dem, was Kultur ausmacht. Wir k\u00f6nnen es bei Kindern beobachten, darin wie sie uns nachahmen. <\/p>\n<p>In Situationen der \u00dcberforderung, des Drucks, der Aggression verlieren wir die Contenance und verlieren das Gesellschaftliche, das wir spielen. Kultur und Gesellschaft sind auch ein Spiel, in dem wir mitspielen.<br \/>\nUnsere Lust und Freude an Erkenntnis, l\u00e4\u00dft uns an Verbesserung und Verfeinerung arbeiten. Kinder m\u00f6chten gro\u00df werden und solange wir nicht \u00fcberfordert werden, wollen wir Verbesserung.<br \/>\nKinder zeigen am deutlichsten die Begegnung zwischen dem Archaischen und der Kultur. In beide Richtungen, vor und zur\u00fcck, in ihrem Nachahmen und ihrer Grausamkeit.<\/p>\n<p>Es ist auch die Angst. Die vor Gespenstern, der Angst im dunklen Wald. Die Angst vor dem unbekannten Ger\u00e4usch in der Stille. Die Angst vor dem Archaischen in uns, im Anderen, im Fremden.<br \/>\nDa\u00df wir Menschen geworden sind aus Angst. Wir haben uns Waffen zum Schutz gebaut, Werkzeuge  und Technologien, mit deren Hilfe wir vorsorgen k\u00f6nnen gegen den Hunger und die K\u00e4lte im Winter.<br \/>\nDie Angst der Tiere: das Reh zittert und flieht. Selbst Fuchs und B\u00e4r trollen sich. Affen klettern auf B\u00e4ume. Flucht- und Schutzinstinkte, die in unserem Unbewu\u00dften da sind. Sie und alle anderen Instinkte bilden die Quelle der \u00dcberraschung dar\u00fcber, wie archaisch wir Menschen eben auch sind.<br \/>\nDa\u00df unsere Angst eine andere, als die der Tiere ist, hat damit zu tun, da\u00df wir nicht nur auf Gefahren reagieren. Wir wissen, da\u00df es sie gibt, sie rufen sich selbst aus unserer Erinnerung in unser Bewu\u00dftsein.<br \/>\nAber was unsere Angst verst\u00e4rkt, ist auch die Voraussetzung, den Stier bei den H\u00f6rnern zu packen, die Gefahr anzugehen. <\/p>\n<p>Dann gibt es noch die Angst vor der Angst. Die Mutlosigkeit vor dem Schritt, die H\u00f6rner zu packen. <\/p>\n<p>Die Industriegesellschaft ist die Grundlage f\u00fcr das moderne Leben. Vor \u00fcber einhundert Jahren waren ihre Transmissionsriemen und R\u00e4derwerke sichtbar, die Stahlwerke rauchten, der L\u00e4rm der Dampfmaschinen war un\u00fcberh\u00f6rbar.<br \/>\nEs gibt immer noch Maschinen, L\u00e4rm, aber wir k\u00f6nnen nicht mehr nachvollziehen, wie sie funktionieren, sie sind zu schwarzen Schachteln geworden. Die zunehmende Abwesenheit schwerindustrieller Produktion aus Ballungsgebieten heraus, hat die gesamte Industrieproduktion selbst in eine Black-Box verwandelt.<br \/>\nManche glauben, man k\u00f6nne an dieser Box drehen und schrauben wie man will. Nach wie vor ist aber Industrieproduktion die Umsetzung der Verfeinerung von W\u00fcnschen nach Dingen, die das Leben erleichtern: der Schritt von der ersten Sichel aus Holz mit Steinklingen zum M\u00e4hdrescher.<br \/>\nSie ist die intellektuelle und manuelle Leistung einzelner Vieler in einem komplexen gesellschaftlichen Biotop.<\/p>\n<p>Das system of boxes hat uns die Angst nicht und auch nicht die Angst vor der Angst genommen. <\/p>\n<p>Trotz der zunehmenden Abwesenheit von Gefahr nimmt unsere Angst nicht ab. Im Gegenteil, die Bannung von Gefahren scheint eine Art Leere zu erzeugen, in die unsere Angst mit Lust zu str\u00f6men scheint.<\/p>\n<p>Wir haben Angst, da\u00df wir die Box auf R\u00e4dern verpassen, sei sie Lieferdienst oder Transportmittel. Da\u00df wir Boxen in unseren H\u00e4nden falsch bedienen, da\u00df aus der kafkaesken Box, die das Schlo\u00df, die Beh\u00f6rde ist, die falschen Briefe oder Nachrichten in den Briefkasten flattern. Eine hypochondrische Manie, die uns beim Verlassen des Hauses zwingt, permanent aufzupassen, nicht das Falsche zu tun.<\/p>\n<p>Oder ein Virus. M\u00f6glicherweise aus einer Box namens Labor. Die Angst vor der Angst, wir versuchen mit Schutzzaubern zu bannen, was da an Bedrohlichem auf uns zuzukommen scheint. Wir maskieren uns. Vielleicht erkennt uns das Virus ja nicht, wenn das Gesicht versteckt ist. Wir verwenden Desinfektionsmittel als Weihwasser. Das ist eben auch archaisch: wenn wissenschaftliche Erkenntnisse, die eigentlich immer von einem permanenten Proze\u00df des Zweifels begleitet werden m\u00fcssen, in unser magisches Denken hinein verfestigt werden.   <\/p>\n<p>Offensichtlich geht einer Gesellschaft, die sich \u00fcber ihre Produktionsweise nicht mehr im klaren ist, auch das Verh\u00e4ltnis zu sich selbst verloren. Im Einzelnen und in Gruppen.<br \/>\nIm Schatten der Black-Box entwickeln sich tribale Strukturen, von manchen Blasen oder Parallelgesellschaften genannt. Das Archaische kehrt zur\u00fcck, je mehr kulturelle Errungenschaften als nicht mehr brauchbar gesehen werden. Im Schatten des Rechtssystems entstehen archaische Systeme.<\/p>\n<p>Kultur- und Staatsbildung macht aus, dumpfe Volksgef\u00fchle in klare Rechtsprechung zu wandeln.<br \/>\nM\u00f6glicherweise hat die Verfeinerung dieser Prozesse zu einem Verlust an Pr\u00e4zision gef\u00fchrt. Der Drang, f\u00fcr jedes Problem, jede Gefahr einen Bann im Gesetz zu schaffen, scheint Rechtssysteme zunehmend zu erm\u00fcden, sie damit in ihrer Wirksamkeit zu entsch\u00e4rfen. <\/p>\n<p>Der Wunsch des Staates nach Durchimpfung aller B\u00fcrger gegen SarsCov2 als eine zu zwingende Ma\u00dfnahme, m\u00fc\u00dfte in eine Rechtsform m\u00fcnden und die daf\u00fcr n\u00f6tige Mehrheit und Akzeptanz finden.<br \/>\nDa offensichtlich bef\u00fcrchtet wird, da\u00df weder Akzeptanz noch Rechtsstaat das hergeben, wird dieser Wunsch an ein dumpfes, g\u00e4riges Volksgef\u00fchl \u00fcbergeben.<br \/>\nDer Rechtsstaat kapituliert vor dem magischen Denken, da\u00df eine Kommunion, eine Eucharistie der Impfung, die ganz offensichtlich von einer nicht unerheblichen Menge gefordert wird, eine L\u00f6sung w\u00e4re.<br \/>\nNun tu doch was!,  ist die Forderung nach einem Irgendwie des Handelns, wenn  nichts mehr geht. Diese Forderung bringt selten rationales Handeln hervor, wenn ihr unbedingt Folge geleistet wird.<br \/>\nN\u00e4mlich der Frage nachzugehen, ob denn \u00fcberhaupt und unbedingt und unmittelbar, immer etwas getan werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>M\u00f6glicherweise entstehen \u00fcber diesen Umweg Gesetze, die wirksamer scheinen, als das Grundgesetz, obwohl sie diesem widersprechen. Das Grundgesetz dieses Landes setzt keine Handlungsoptionen bei Gefahr, sondern Grenzen gegen Gewalt. Es vertraut dem rationalen, streitbaren Austausch \u00fcber Handlungsoptionen. <\/p>\n<p>Die SED versuchte im Dezember 1989 durch eine Kampagne gegen polnische Staatsb\u00fcrger, die unseren B\u00fcrgern Waren wegkaufen, von sich abzulenken.<br \/>\nDie Nationalsozialisten haben permanent das Rechtssystem von Weimar dadurch erodiert, da\u00df sie einem Volkswillen freien Lauf lie\u00dfen, einem Volkswillen, den organisierte Mobs manipulierten, flankierten und verst\u00e4rkten.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, ob es heute um Ziele geht, die aus einer rationalen Entscheidung der Politik hervorgehen, die mit Kampagnen zur Meinungs- und Entscheidungsbildung unterst\u00fctzt werden.<br \/>\nVielzusehr sehe ich gruppendynamische Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen. Sie finden immer weniger in demokratischen, rationalen Entscheidungsfindungen statt.<br \/>\nAber immer mehr spielt das Archaische dabei eine Rolle. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Archaische reicht aus der Vergangenheit des Menschen bis dahin, wo Unbewu\u00dftes Bewu\u00dftsein wird. Es reicht in unser Rechtssystem, seine Institutionen. Es ist in unserer Sprache, in den Spielen, nicht nur denen der Kinder. 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