{"id":1233,"date":"2024-12-25T07:51:02","date_gmt":"2024-12-25T07:51:02","guid":{"rendered":"https:\/\/andreashansche.de\/?p=1233"},"modified":"2024-12-25T08:06:16","modified_gmt":"2024-12-25T08:06:16","slug":"der-vietnam-komplex-2022","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreashansche.de\/?p=1233","title":{"rendered":"Der Vietnam-Komplex (2022)"},"content":{"rendered":"<blockquote><p>(Vietnam)<br \/>\nNicht Mitleiden (t\u00e4uscht euch nicht)<br \/>\nDie Angst zwingt zum Wegsehn<br \/>\nWir bluten aus den leicht verge\u00dfnen nie verge\u00dfnen<br \/>\nUralten Wunden. Das letzte Gefecht ist<br \/>\nDas erste. Die Schreie verbrauchen die Luft<br \/>\nZur\u00fcckgeworfen von \u00fcbervielen tauben Trommelfellen<br \/>\nWer da noch h\u00f6rt: rei\u00df die Ohren auf<br \/>\nBewege H\u00e4nde, Beine, atme<br \/>\nGegen den Schnee! Rei\u00df den neben dir<br \/>\nAus dem t\u00f6dlichen Schlaf. Es ist nicht Vietnam<br \/>\nH\u00f6rst Du<br \/>\nEs ist nicht Vietnam<\/p>\n<p>Inge M\u00fcller<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Siebenundzwanzig Jahre lebte ich in einer Diktatur, dazwischen ein halbes Jahr Jahr ohne Macht und fast zweite siebenundzwanzigste Jahre in einer von mir insofern frei empfundenen Gesellschaft, als da\u00df sich niemand in mein Leben eingemischt hat.<br \/>\nKommunistische Funktion\u00e4re und westliche Linke waren f\u00fcr mich verschiedene Dinge. Inzwischen sehe ich kaum einen Unterschied. Hier ist \u00fcber die Zeit etwas zusammengewachsen, was lange nicht zusammengeh\u00f6ren zu schien; die einen waren den anderen zu dogmatisch, die anderen den einen zu undiszipliniert. Die Beherrschten im Sozialismus wehrten sich mit Tr\u00e4gheit gegen die Direktiven, besonders erfolgreich in L\u00e4ndern wie Polen, wo man das schon gegen andere Fremdherrschaften ge\u00fcbt hatte. Eine Verkehrung scheint Wirklichkeit geworden zu sein: Nach links gewendete Regierungen \u00fcben sich in Tr\u00e4gheit und gleichen das durch Ideologie aus, w\u00e4hrend die Bev\u00f6lkerung versucht ihr Leben zusammenzuhalten. Je mehr Ideologie, desto weniger Tat, aber die anderen, die die noch tun, sollen auch nicht tun oder sie sollen abgeben, was sie sich durch Tun erarbeitet haben. Es ist der Wille, die Menschen um sich herum nach seiner Vorstellung pr\u00e4gen zu wollen.<\/p>\n<p>Ein Sklave kann sagen, Herr gib mir mehr zu essen, dann kann ich auch besser arbeiten. Das gilt f\u00fcr jeden, der abh\u00e4ngig besch\u00e4ftigt ist, der nicht einfach sagen kann, ich lasse den Hammer fallen. Und doch hat sich der Raum f\u00fcr diese Entscheidung vergr\u00f6\u00dfert, aber die, die solche Entscheidungen treffen k\u00f6nnten, nutzen diesen Raum nicht, den sie f\u00fcllen und damit vergr\u00f6\u00dfern k\u00f6nnten.<br \/>\nF\u00fcr mich ergibt sich daraus eine Entscheidungssituation. Da\u00df ich n\u00e4mlich zuerst t\u00e4tig werden mu\u00df, wenn ich diesen Raum vergr\u00f6\u00dfern m\u00f6chte. Ich mu\u00df selbst nach einer f\u00fcr mich geeigneten Bewegungsform suchen, da t\u00e4tig zu werden. Niemand wird das f\u00fcr mich tun.<br \/>\nWer soll zuerst t\u00e4tig werden, ich oder die anderen?<br \/>\nEin Aktivist oder Funktion\u00e4r, der fordert, die anderen sollen etwas tun, damit anderen etwas erm\u00f6glicht werde, schafft sich eine bequeme Position in einem Raum, in dem er das, was er f\u00fcr sich nicht tut, von anderen fordert. Er f\u00fcllt die L\u00fccke einer selbstt\u00e4tigen Handlung, die der Einzelne tun m\u00fc\u00dfte. Die Aktivit\u00e4ten von Funktion\u00e4ren, die so hei\u00dfen, weil sie eine Funktion menschlichen Handels erf\u00fcllen, ohne die Konsequenz die ein ganzer Mensch tragen mu\u00df, sie sind die L\u00fccke, die die Angst des Einzelnen sich nicht traut zu \u00fcberwinden.<br \/>\nSie sagen, la\u00df den Hammer fallen und wenn der Arbeiter sagt, aber wenn ich ihn fallenlasse hat meine Familie nichts mehr zu essen.<br \/>\nLange habe ich Linke mit der Arbeiterbewegung gleichgesetzt.<br \/>\nArbeiterbewegung ist das Handeln mit dem Potential des Hammerfallenlassens, was das Leben der Arbeiter versucht zu verbessern. Zwar haben Linke die Arbeiterbewegung ideologisch und politisch okkupiert (Marxvs Lasalle) aber die Arbeiterbewegung ist im Kern konservativ, auf Erhalt bedacht, denn nur das Erhaltene kann mehr Lohn zahlen.<br \/>\nEs ist eine sehr eigenartige Eigenschaft, von anderen zu verlangen, was sie zu ihrer <em>Befreiung<\/em> tun sollten, was man selbst nicht leistet. Der Raum wo der Hammer f\u00e4llt als intellektueller Spekulationsraum. Die <em>Linke<\/em> ist der klassische Zustand des unzufriedenen Nicht-Handelns und des Erwartungs-Zwangs, da\u00df andere das tun m\u00fc\u00dften. Nach Oben sowie nach Unten. Als Menschenbild ergibt sich daraus eine beherrschende Welt, die b\u00f6se und eine beherrschte, die dumm ist.<br \/>\nSind Linke an der Macht, bleibt das B\u00f6se als &#8222;Der Feind&#8220;, &#8222;Das Klima&#8220;, &#8222;Der alte wei\u00dfe Mann&#8220;, die absch\u00e4tzige Haltung gegen\u00fcber den &#8222;Opfern&#8220; f\u00fcr die man da ist ebenso.<\/p>\n<p>Die Ignoranz Linker gegen\u00fcber dem souver\u00e4nem Akt eines Volkes, die Bedrohung seiner Existenz korrespondiert mit der Verdr\u00e4ngung dessen, da\u00df die mei\u00dften kommunistischen Diktaturen von Massenm\u00f6rdern angef\u00fchrt wurden. Eine Verdr\u00e4ngung ins kollektive (und auch historische) Unbewu\u00dfte der Linken.<br \/>\nDie Linke, besonders in Deutschland fand sich nach den Schocks, ausgel\u00f6st durch Chrustschows Geheimrede neu im Protest gegen den Krieg in Vietnam. Die USA unterst\u00fctzen das s\u00fcdvietnamesische Regime, das nicht allein in der Lage war, sich gegen den hybriden Krieg, den die nordvietnamesische Armee \u00fcber den Ho-Chi-Minh-Pfad gegen S\u00fcdvietnam f\u00fchrte, zu wehren.<br \/>\nDer Protest gr\u00fcndete sich auf die Legitimit\u00e4t des nordvietnamesischen Krieges und die Illegitimit\u00e4t des s\u00fcdvietnamesischen Regimes. Es gab Vertr\u00e4ge, die die Souver\u00e4nit\u00e4t beider Staaten und die Grenze dazwischen garantierten. Gebrochen wurden diese durch Nordvietnam.<br \/>\nEigentlich richtete sich der Protest in Deutschland eindeutig gegen die Amerikaner. Es war der willkommene Anla\u00df einer nachfolgenden Generation von reeducateten Kriegsverlierern, aus der letzten Schulbank amerikanisch-britischer Demokratieerziehung zu p\u00f6beln. Das P\u00f6beln richtete sich auch gegen die aus dieser Schulbank schon entlassene \u00e4ltere Generation.<br \/>\nDa\u00df Ho-Chi-Minh im Zuge der <em>Landreformen<\/em> ca. 10000 Menschen ermorden lie\u00df, hat die Linke verdr\u00e4ngt. Im Grunde die Wiederholung der Fehlleistung vorheriger Generationen bez\u00fcglich Stalins.<br \/>\nDie Fehlleistung gr\u00fcndet sich aus dem Prinzip, da\u00df der Feind meines Feindes mein Freund ist. Die grunds\u00e4tzliche Feindseligkeit Linker eigentlich gegen alles, was nicht so denkt, wie sie, versteckt sich hinter dem Wort <em>Kritik<\/em>.<br \/>\nDie Linke sucht immer wieder nach neuen Gruppen, mit denen sie sich identifizieren kann.<br \/>\nIm neunzehnten Jahrhundert okkupierte die marxsche Richtung die deutsche Arbeiterbewegung und verdr\u00e4ngte den lassallschen Pragmatismus. In immer wieder neuen ideologischen K\u00e4mpfen gegen den Revisonismus genannten Pragmatismus, versuchte die Linke, die Arbeiterbewegung zu dominieren. Dabei war dieser durchaus erfolgreich, im Kaiserreich, weniger in Weimar, viel mehr in der Bundesrepublik. Der pragmatische Weg, m\u00f6chte eine besseres Leben f\u00fcr die Arbeiter, der ideologische eine Zerst\u00f6rung der Wirtschaft, des Staates, dessen \u00dcbernahme am Ende. Meistens ohne Erfolg. (Hier w\u00e4re einzuf\u00fcgen, da\u00df auch der Nationalsozialismus zur Linken geh\u00f6rt, mit einer besonderen Zerst\u00f6rungswut) Es ist ein Irrtum, die Linke mit der Arbeiterbewegung gleichzusetzen. Die Linke sah sich als erzieherische Avantgarde der Arbeiter, heute als die der <em>restlichen<\/em> Bev\u00f6lkerung, n\u00e4mlich derer, die schwarz, migrantisch oder sonst irgendeine minderheitliche Identit\u00e4t besitzen.<br \/>\nIhr Ha\u00df auf bestehende Verh\u00e4ltnisse, ihr Eifer, da\u00df sich unbedingt alles \u00e4ndern m\u00fcsse und da\u00df dies in jeden Kopf gepr\u00fcgelt geh\u00f6re, hat vielleicht seine Ursache in einem Mi\u00dffallen daran, aus den Gegebenheiten einer Situation heraus zu arbeiten. Es gibt keine erfolgreiche Arbeit, die nicht auf etwas aufbauen kann. Ohne Tradition kein Fortschritt. Alles umzust\u00fcrzen, bei Null anfangen zu wollen, ist eine Allmachtsphantasie. M\u00f6glicherweise kommt sie aus dem Gef\u00fchl einer Ohnmacht, einer L\u00e4hmung angesichts der Begrenzung von M\u00f6glichkeiten. Und aus Mangel an Phantasie, einem fehlenden Vorstellungsverm\u00f6gen, das aus Vorhandenem baut. Man schaue sich nur an, wie gro\u00df die Diskrepanz zwischen der Lebenswirklichkeit und dem ideologischem Get\u00f6n in Diktaturen ist, wo die Linke an der Macht ist.<br \/>\nDa das vietnamesische Volk, das unter dem Terror der amerikanischen Armee leidet. Der Terror der Vietminh dagegen war nicht sichtbar, dort gab es keine Korrespondenten.<br \/>\nSie sucht diese Identifizierungsgruppen immer wieder neu, da diese sich oft nicht so verhalten, wie gew\u00fcnscht. Sie stiehlt sich aus einem Identifikationsraum hinweg, wenn die klare Freund-Feind-Geografie sich aufzul\u00f6sen droht. Wobei die Gr\u00fcnde selten aufgearbeitet werden. Die, die das tun, sind oft nach inneren Auseinandersetzungen keine Linken mehr.<\/p>\n<p>Die Ablehnung dessen, da\u00df sich die Ukraine tapfer und resolut verteidigt, kann durchaus mit einem Blick in das kollektive Unbewu\u00dfte der Linken erkl\u00e4rt werden. N\u00e4mlich die unkritische Haltung gegen\u00fcber den M\u00f6rdern Lenin, Mao, Pol Pot, Stalin, Che Guevara, Trotzki, nun in eine ignorant-kritische gegen\u00fcber den Ukrainern verwandelt wird. Die Negation einer \u00dcbertragung. Die Leerstelle der fehlenden Kritik da, wird hier und heute gef\u00fcllt. Ein weiterer Antrieb ist der Ha\u00df auf die Amerikaner, das haben (besonders die deutschen) Linken tief verinnerlicht. Im Grunde ist es der Ha\u00df auf die Freiheit, die Infragestellung des eigenen Weltbildes, vielleicht sogar ein Nichtzugebenwollen eines gescheiterten Lebens.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Vietnam) Nicht Mitleiden (t\u00e4uscht euch nicht) Die Angst zwingt zum Wegsehn Wir bluten aus den leicht verge\u00dfnen nie verge\u00dfnen Uralten Wunden. Das letzte Gefecht ist Das erste. Die Schreie verbrauchen die Luft Zur\u00fcckgeworfen von \u00fcbervielen tauben Trommelfellen Wer da noch h\u00f6rt: rei\u00df die Ohren auf Bewege H\u00e4nde, Beine, atme Gegen den Schnee! 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