{"id":930,"date":"2021-04-21T04:44:27","date_gmt":"2021-04-21T04:44:27","guid":{"rendered":"https:\/\/andreashansche.de\/?p=930"},"modified":"2021-05-17T11:45:52","modified_gmt":"2021-05-17T11:45:52","slug":"spirale","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/andreashansche.de\/?p=930","title":{"rendered":"Restrisiko"},"content":{"rendered":"<p>Das Restrisiko zu sterben, ist erstaunlich hoch, wenn man die Sache vom Ende her denkt. Bis an die technische Moderne heran bestimmte im Bewu\u00dftsein der Menschen weitestgehend der Zufall den Tod. Der Zufall war zugleich Trost und hie\u00df Gott. Medizinischer Fortschritt unter anderem f\u00fchrt zu wissendem Handeln, vermindert den Zufall. Die Verl\u00e4ngerung des Lebens und seiner Qualit\u00e4t sind die Folge. Aber sein Restrisiko verringert sich nicht. Eine Verh\u00e4ltnisrechnung \u2013 hier Verl\u00e4ngerung, da Verringerung \u2013 geht, was den Tod betrifft, am Ende nicht auf. Denn man kann die Spanne zwischen Eins und Null nicht unendlich verl\u00e4ngern, indem man, je n\u00e4her man der Null kommt, immer noch einen Teiler findet. Nur im M\u00e4rchen verhandelt der Held mit dem Tod.<br \/>\nJe mehr man \u00fcber medizinische Zusammenh\u00e4nge wei\u00df, desto mehr w\u00e4chst die Komplexit\u00e4t m\u00f6glicher Ursachen dessen, was eigentlich zum Tod eines Menschen f\u00fchrt. Obwohl jede einzelne Teil-Ursache wissenschaftlich benannt werden kann, wei\u00df man eben vieles nicht und so bleibt ein Rest. Die Machbarkeit der Dinge, die unsere Lebensqualit\u00e4t erh\u00f6hen und unser Leben verl\u00e4ngern, st\u00f6\u00dft an die Grenze, die der Tod setzt<br \/>\nGesetzt den Fall, s\u00e4mtliche Ma\u00dfnahmen zur Verhinderung der Ausbreitung von Sars-Cov2 w\u00fcrden Tod und Tode zumindest im Microbereich verz\u00f6gern, so bleibt doch eine ungeheure Last, die auf das Kollektiv verteilt wird. Weil durch eine Verkettung von Zuf\u00e4llen irgendwo ein Jemand sterben k\u00f6nnte, weil ich jemandem zu nahe gekommen bin, werden Kausalit\u00e4t und Zufall mit Schuld verkn\u00fcpft. Die Verkettung von Faktoren, die im M\u00f6glichkeitsspiel mit anderen zum Tod f\u00fchren k\u00f6nnten, wird in einen Schuldstring verwandelt.<br \/>\nDie Last auf dem Kollektiv kann f\u00fcr den Einzelnen aber auch Macht bedeuten: Ich trage eine Maske und verhindere Tod. Eigentlich ist derjenige, der glaubt m\u00e4chtig zu handeln, so ohnm\u00e4chtig wie der scheinbar Schuldige auch: Wie m\u00f6chte er in der Komplexit\u00e4t von Krankheit und Tod nachweisen, da\u00df sein Handeln Tod verhindert hat?<br \/>\nSosehr es im allerkleinsten Fall sein kann, da\u00df irgendwas irgendwas bewirkt haben k\u00f6nnte, k\u00f6nnte es das eben auch nicht. Aber wenn das Handeln des Einzelnen im Kollektiv derart aufgeladen wird, da\u00df das Zuf\u00e4llige besonders wird, obwohl es f\u00fcr ihn nicht sichtbar ist, braucht er eine Erkl\u00e4rung, die nicht mehr rational ist. Sie steht als Ersatz f\u00fcr die fehlende Kausalkette, tritt aber nach wie vor als rational in Erscheinung. Die Maske und das Abstand-Halten m\u00f6gen daher scheinbar rationales Handeln sein, die Art, wie der Einzelne das betreiben muss, um die f\u00fcr ihn fehlende Kausalit\u00e4t zu ersetzen, ist jedoch ein Ritus.<br \/>\nDie Natur beseelt zu finden, sich G\u00f6tter m\u00e4chtig und unsterblich zu denken, an Tod und Auferstehung Jesu teilzuhaben, in der Hoffnung, da\u00df das Restrisiko gemindert werden kann. Der Glaube an eine unsterbliche Seele, kann dem Einzelnen die Kraft geben, den Verf\u00fchrungen von Macht, Kollektiv und Besitz zu widerstehen. Er kann ihm die Angst vor dem Tod nehmen. Mit und neben einem starken Gott kann der Einzelne stark genug sein, anderen Menschen zu widerstehen und ihnen gleichzeitig zu vertrauen.\t<\/p>\n<p>Das Gewissen ist ein inneres Gespr\u00e4ch \u00fcber die pers\u00f6nliche Verantwortung<\/p>\n<p>Das schlechte Gewissen ist die Angst vor der Autorit\u00e4t, sei sie g\u00f6ttlich oder menschlich. Das schlechte Gewissen macht unfrei, z. B. das schlechte Gewissen, weil ich an dem Ritus nicht teilhabe oder ihn gar verweigere.<br \/>\nSchuld ergibt sich aus den Folgen einer Tat. Der Tathergang muss aber konkret nachvollziehbar sein, ich muss Antwort geben k\u00f6nnen auf meine Tat. Schuld ergibt sich aus den Folgen einer Tat. Der Tathergang mu\u00df aber konkret nachvollziehbar sein, ich mu\u00df Antwort geben k\u00f6nnen auf meine Tat. Wenn die konkrete Verbindung eines Hergangs nicht existiert, nur ein Es-k\u00f6nnte-sein, kann ich aber keine Antwort auf das geben, was ich getan habe. Wenn man mir vorwirft, da\u00df irgendwo jemand sterben k\u00f6nnte, weil ich den Ritus nicht eingehalten habe, wird mein schlechtes Gewissen mit konkreter Schuld verkn\u00fcpft.<br \/>\nArchaische Gesellschaften sch\u00fctzen sich vor Bedrohungen ihrer Stabilit\u00e4t durch das Tabu, also das Verbot von Handlungen um Komplexit\u00e4t zu vermindern. In einer Welt, die bedrohlich und komplex genug ist, ist diese Reduktion eine \u00dcberlebensstrategie.<br \/>\nSp\u00e4testens seit der Aufkl\u00e4rung versuchen wir bewu\u00dft Komplexit\u00e4t zu verstehen, sie nicht zu negieren und zu tabuisieren. Abstandsriten, wie sie derzeit praktiziert werden, sind eine Form des Tabus. F\u00fcr Menschen, die sich \u201ein jenem stillen Zwiegespr\u00e4ch zwischen mir und meinem Selbst\u201c (Hannah Arendt) befinden, sei es, ob Gott dabei eine Rolle spielt oder nicht, ist die Verkn\u00fcpfung von Tabu und Schuld eine Kr\u00e4nkung.<br \/>\nPl\u00f6tzlich merke ich, da\u00df ich nicht per se frei bin, sondern abh\u00e4ngig von den Grundrechten einer freien Gesellschaft. Wenn ich so massiv und pl\u00f6tzlich per Verordnung meines aus dem Gewissen ableitbaren Handelns beraubt werden soll, damit Tod verhindert wird, f\u00fchrt dies zu einer Verminderung der Handlungsf\u00e4higkeit. Unbeweglichkeit aber verhindert M\u00f6glichkeiten, M\u00f6glichkeiten die an anderer Stelle gebraucht werden. Das Geheimnis einer freien Gesellschaft ist, da\u00df sie sich selbst hilft, wie ein Organismus, der nur die n\u00f6tigsten Regeln braucht. <\/p>\n<p>Das Problem<\/p>\n<p>Wir befinden uns im Moment in einer Situation, in der das Problem nicht zur L\u00f6sung passt. Die erhoffte Wirkung trifft nicht ein, die L\u00f6sung ist eine, in die sich die Anleitung zum Ungl\u00fccklichsein geschrieben hat.<br \/>\nEs geht offensichtlich nicht um das allgemeine Wohl. Dazu w\u00fcrde die Analyse des Unwohls geh\u00f6ren, n\u00e4mlich das richtige Problem zu benennen. Wo verbreitet sich das Virus und wie gro\u00df ist eigentlich die Gefahr, wird aber nicht gefragt. Stattdessen definiert die L\u00f6sung das Problem: Alle tragen \u00fcberall Masken, also verbreiten alle \u00fcberall das Virus. Man ist erstaunlich unfrei, wenn man sich immer erst fragt, wie die Sache ausgeht.<\/p>\n<p>Freiheit und Willk\u00fcr<\/p>\n<p>Da\u00df Freiheit entt\u00e4uschend sein kann, schafft den Wunsch nach Regeln, einer Unfreiheit, in deren Schatten das Bed\u00fcrfnis nach Sicherheit als Freiheit empfunden werden kann. Die Durchsetzung des Willens der einen gegen die Freiheit anderer ist Zwang. Die einen nehmen sich die Freiheit, Zwang auszu\u00fcben, die anderen haben ein Bed\u00fcrfnis nach Zwang und die dritten werden gezwungen. Ver\u00e4ndert der Zwang seine Richtung, nicht nach dauerhaften Regeln, sondern wie es gerade pa\u00dft, ist das Willk\u00fcr. Die Willk\u00fcr richtet sich aber auch gegen die, die sich eben noch ihres Willens zur Unfreiheit sicher waren. Willk\u00fcr und Unfreiheit schaffen deshalb keine Sicherheit, sondern immer mehr Unsicherheit, die ja gerade mit der Abschaffung der Freiheit beseitigt werden sollte. Welche Regeln morgen gelten, wei\u00df keiner.<br \/>\nIch f\u00fchle mich sicher, wenn ich selbst entscheiden kann. In der derzeitigen Unfreiheit f\u00fchle ich mich unsicher, weil ich nicht wei\u00df, was gilt. Ich muss daher den Entscheidern vorwerfen, da\u00df sie dem Unsicherheitsgef\u00fchl nachgegeben und damit die Willk\u00fcr mitverursacht  haben. Es geschah nicht ohne Einverst\u00e4ndis aus und in die Situation der Unsicherheit. Wenn sich aber die Regierenden als die einer freiheitlichen Demokratie verstehen, ist es ihre Pflicht, darauf zu achten, nicht in die Falle von Unfreiheit und Willk\u00fcr zu geraten.<br \/>\nVor einem Jahr hat eine Mehrheit gew\u00e4hlt, sich zu unterwerfen, die Regierenden dazu aufgefordert, diese Ma\u00dfnahmen zu vollziehen.  Aber jetzt sieht man sich in einer Zwangsjacke, die man so nicht wollte. Selbst der treueste Bejaher aller Ma\u00dfnahmen sieht ihre Unstimmigkeiten in ihrer Willk\u00fcr. Scheinbar rationale Ma\u00dfnahmen-Muster zeigen immer deutlicher ihren Illusionscharakter, je mehr sie durch ein hektisches Hin-und-Her bestimmt werden.  Das nachverordnende Vorgehen gegen die kleinen Freiheiten, die sich im Schatten der Unfreiheit herausgenommen werden, f\u00fchrt dazu, da\u00df niemand mehr wei\u00df, was richtig und falsch ist.<br \/>\nDie m\u00f6glichen Folgen der Willk\u00fcr sind vorhersehbar: Jeder macht, was er will, aus Verzweiflung oder Trotz. W\u00e4re es nicht von Anfang an der Weg der Freiheit gewesen, da\u00df jeder frei entscheidet aus eigenem Ermessen und eigener Verantwortung?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Restrisiko zu sterben, ist erstaunlich hoch, wenn man die Sache vom Ende her denkt. Bis an die technische Moderne heran bestimmte im Bewu\u00dftsein der Menschen weitestgehend der Zufall den Tod. Der Zufall war zugleich Trost und hie\u00df Gott. Medizinischer Fortschritt unter anderem f\u00fchrt zu wissendem Handeln, vermindert den Zufall. 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