Absolute Stille

Einmal lief ich zu Weihnachten auf der Insel Hiddensee den Toten Kerl hinauf. Der klare Himmel ließ auf einen Blick bis Møn hoffen.  Der Weg zum Meeresblick war mit Kunststoffband versperrt und Schilder sprachen von Gefahr. Andere Wege begannen offen und endeten an einer Sperre, ohne einen Abzweig. Andere verwirrten sich in unzählige Pfade, die sich vor dem Abgrund panisch kreuzten. Ich schlug mich durch die Dornen zu den Senken am Abhang des Berges. Die Sonne schien, kein Wind wehte hier, es war nicht kalt, ich lag in einer Senke. Ich hörte keine Kuh, keine Möwe: Es war absolut still. Was sich mir da mitteilte, höre ich noch heute. Ein Krähenflügel flappte, eine Stimme von der Kuppe, sich einer anderen versichernd, Kinder: Vorbei.

Gestern

hielt ich das Buch eines Mannes in der Hand, der erzählt, wie sie die Pyramiden gebaut haben. Hat sein Lebtag dies und das gemacht, mit Sechzig Ägyptologie studiert und erzählt nun mit der Besessenheit eines Ingenieurs die Art des Pyramidenbaus. Als würde er sie nochmal bauen wollen.

Die Linke und der Islam und die Freiheit

Was interessiert mich an den islamischen Aufklärern und die Wirkung ihrer Auseinandersetzung unter Muslimen und christlich geprägten Abendländlern?

Es ist die Verbindung der Frage nach der Freiheit und der Frage nach Gott. Es ist wie eine Reise in die Zeit des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts, wo sich in Europa die Frage nach Gott und Freiheit zu trennen begannen.

Ich stelle die Fragen nicht theologisch, ich bin ungläubig.

Es ist auch biografisch, ich habe 27 Jahre in der DDR gelebt. Der Widerspruch zwischen Scharia und der offenen (und hoffentlich offen bleibenden) Gesellschaft, erinnert an die Existenz der DDR. Auf der einen Seite freier Westen, auf der anderen letzter Posten eines Experiments mit Menschen. Abhängig von westlicher Technologie, Wirtschaftskraft und einer ständigen Neudefinition von Fortschritt hinterherhinkend. Auf dem 11. Parteitag der SED wurde das Mantra der CADCAM-Technologie auf die Fahne des Fortschritts geschrieben; nur als ein Bruchstück aus westlicher Technologie geklaubt. Es hat etwas davon, als würde ein heutiger Schriftgelehrter den Nutzen des Mobiltelefones für die Übung der Unterwerfung herausstellen und das aus der Schrift herleiten als aus der Weisheit des Propheten und Gottes vorgeahnt. Als Mittel zum Sturz des Westens hier, da die westliche Technologie als Mittel zum Sieg des Sozialismus. Die SED-Kommunisten allerdings wähnten sich anmaßend in der Tradition der Aufklärung.

Der Islam wird von zwei Seiten bedrängt. Die westliche Freiheit und Innovation auf der einen und seine Anhänger auf der anderen, die eine lebbare Form der Existenz in diesem Widerspruch suchen, die vielleicht mehr als Koexistenz ist. Ob und wann daraus ein Aufbruch aus der Unterwerfung in eine Existenz offener Fragen geschieht und wie das geschieht?

Der Zusammenbruch des Kommunismus an seiner Unfähigkeit hat die Linke gedemütigt und sie in eine sich selbst blockierende Trotzhaltung gebracht. Die Unfähigkeit des Kommunismus bestand in der Unfähigkeit zu Gestalten. Gestalt entsteht aus dem freien Spiel von Zufall und Kreativität und nicht aus einem vorgedachtem Ergebnis, dessen Umsetzung erzwungen wird, wobei in dem Misserfolg des NichtGelingens der Zwang allein zurückbleibt. Was in der DDR funktionierte, funktionierte trotz des Systems DDR. Es funktionierte solange, wie die wichtigste wirtschaftliche Basis der DDR, nämlich die Vorkriegsware an Maschinen und Fachleuten funktionierte. Als der AEG-Motor aus den 30ern nicht mehr zu reparieren war, hörte das System auf zu funktionieren.

Es ist eine demütigende Erfahrung für einen Weltverbesserer, dass es zur Welt keine Alternative gibt. Es ist auch meine Erfahrung und die zugleich befreiende Erkenntnis, daß es nur Alternativen zwischen Wirklichkeiten geben kann. Man kann Ideen als Möglichkeitswirklichkeiten vergleichen und Existierende miteinander, aber das utopische Prinzip, eine Möglichkeitswirklichkeit mit einer Existierenden zu vergleichen ist klein. Zuerst müssen sich viele Ideen streiten, bis verschiedene zu existierenden Wirklichkeiten geworden sind und um Menschengunst konkurrieren.

In der Menschengunst am höchsten stehen zweifellos die verschiedenen Angebote, deren kreative Basis auf der Freiheit der Ideen, Menschenfreiheit, der Freiheit wirtschaftlichen Tauschs und der des Eigentums beruhen. Manche nennen das Kapitalismus. Der Versuch der Linken,  als Teil des Systems Freiheit, sich mit dem Vehikel Antikapitalismus (Reigen, von etwas mehr Gerechtigkeit bis zu „Alles kaputtmachen“) herauszukatapultieren und von Außen zu wirken wird immer absurder. Freiheit wird als Kampfbegriff „Neoliberalismus“ denunziert. Absurd, weil die Linke ja physisch-wirtschaftlich abhängig von der freien Gesellschaft ist, in der die Linken als Individuen leben. Heraus! und Abhängig!, dieser Widerspruch demütigt und verkleinert mit jedem Geschrei den Raum eigenen freien Denkens.

In der sich verengenden Spirale von Heraus! und Abhängig! befindet sich auch der Islam. Seine Freiheit besteht im Westen darin, seine Monokultur zu behaupten, in seiner geografischen Heimat wirken Behauptungsanspruch und technologische Abhängigkeit vom Westen.

Sich in einer ideologisch-materiellen Zwangslage zu befinden, scheint Linken und Islam gemeinsam zu sein.

Es stellt sich mir die Frage nach einer Auflösung dieses Dilemmas. Der Terror, der aus dem Islam kommt und sich mehr gegen sich selbst richtet, als den Westen, scheint darauf zu deuten, daß hier mit immer mehr Gewalt gegen eine Öffnung vorgegangen werden muß. Auch die Linke fürchtet um ihr Überflüssigsein, dabei könnte man doch gespannt sein auf  ein Denken in einem offenen Raum und einem offenem Diskurs.

Verschiedene Ringe

Allah, ein Gott der sich Welt und Deutung  nach den Bedingungen eines patriarchalischen Hirtenstammes unterwirft.

JAHWE, der aus der Archaik eines Hirtenstammes führt und ihn zu seinem Volk macht. Der Vererbung des Jüdischseins über die Mutter könnte folgen, daß das jüdische, das „echteste“ Volk ist. Könnte es sich beim Antisemitismus um den Neid der sich „heroisch“ gebildeten Völker handeln?

Nach Heinsohn ist das Judentum der Ausweg aus dem Opferritus. Das Christentum mit seinem gekreuzigten Opfer ein Rückschritt.

Und wem und was opfert der Moslem? Allah sich selbst?

Die Entlastung von der Schuld der Übertretung der Gebote fand der Christ im Beichtstuhl. Dem Vertreter des Opfertieres (-mensches) wird die Schuld übertragen. Die Abschaffung des Beichtstuhles durch die Reformation brachte den Menschen mit seiner Schuld direkt vor Gott. Was für eine Bürde! Aber wer sich ihr stellt, wird frei.

Die letzte Zuflucht des Gläubigen: Gott ist Liebe.

Preis des Lernens

Etwas Geschehenes rückgängig machen zu wollen, ist mir fremd. Aber manchmal möchte ich, der 4. September 2015 wäre so nicht geschehen und die folgende Einwanderung von 1,5 Millionen Fremden in 2 Jahren. Das Kind lernt am heißen Ofen was Heiß heißt. Aber wie hoch soll der Preis des Lernens und das Maß des Schadens sein?  Denn Schaden ist in dem Maß entstanden, daß ich mir wünschte, diese Fremden wären nicht hier. Schaden durch eine Grausamkeit, die wir an uns schon überwunden glaubten, die die Fremden mitbrachten. Eine Grausamkeit, die uns überfordert, weil sie uns zwingt, ebenfalls grausam zu sein. Zuerst beißen wir uns auf die Zunge, daß Reden fällt mit geschwollener schwerer, als mit freier; aber wenn wir uns dann wehren, kommt eine Grausamkeit zu Tage und die Wut, sich seine Zähne (Zeigen und Biß) verboten zu haben. Wir, die wir durch die Fremden das Fremde in uns, das den Fremden als fremd empfindet überwinden wollten, empfinden die Grausamkeit der Ent- Täuschung. Über die Banalität des Fremden, über uns.

Der Mensch und sein Können

Jeder hat sein eigenes Können. Es zu finden, zu entwickeln und anzuwenden, seine Aufgabe. Gelingt es, wird er wachsen. Zum Gelingen zu kommen, aus dem Gewöhnlichen, Alltäglichen und Banalen zu wachsen auf den Weg des Könnens. Daß man mich nicht gelassen, gilt nicht. Es gilt die Aufgabe, die Bedingungen dafür zu finden. Im Idealfall ist der Weg zum Weg des Könnens und Gelingens schon der Weg des Könnens, eher wird er es.  Direkt führt nur der Weg den Glücklichen dahin, eher gilt der Satz des Stalker in Tarkowskis Film: Der direkte Weg führt am wenigsten zum Ziel. Und welches Ziel überhaupt? Eher ein Kampf, der in der Stunde des Todes endet. Wissen wir dann, ob wir verloren oder gewonnen haben und was Gewinnen und Verlieren bedeutet? Oder? Bestimmt gibt es auch Könner des Irrtums.
(Klammer1: In der Zone gilt, je weiter, desto sicherer. So spricht Stalker zu Schriftsteller und Professor. In der Zone ist es so, daß der direkte Weg nicht nur nicht zum Ziel, sondern in den Tod führt.)
(Klammer2: Nietzsche in Morgenröthe: Die »Wege«. – Die angeblichen »kürzeren Wege« haben die Menschheit immer in große Gefahr gebracht; sie verläßt immer bei der frohen Botschaft, daß ein solcher kürzerer Weg gefunden sei, ihren Weg – und verliert den Weg.)

Purcells

weltliche Lieder ein Einziges: If music could be the food of love. Entzücken der Hin-Neigung, entzücken über das eigene Entzücken; das Entzücken über das Göttliche schwingt mit, ist verwoben, ist Teil. Thrice happy lovers und Praise God sind Eins und jeweils Eines.

Die Experimentatoren der Royal Society stellten zur selben Zeit die Frage, wie denn Gottes Schöpfung funktioniere? In kaum einer anderen Zeit rückten Freiheits-Strom (Erkenntnis, Emanzipation, Bewegung) und die Bindung an  Gott mehr zusammen.

Wenn die Gemengelage dieses Zusammenrückens und Voneienanderwegs, Entzücken ist, ist das Entzücken in Purcell Musik auch dies.

Zurückgeschaut zeigt sich heute ein Abendland (Gegend zwischen Lemberg und San Francisco) von kreativer Produktivität und Reflexion. Die Reflexion über das Destruktive des Westens läuft auf eine destruktive Reflexion hin, als kehre der Westen in eine Zeit der Glaubenskämpfe, das einmal Eroberte sich abkasteiend, zurück; was noch fehlte wäre ein heftiger, blutiger Streit um das Wesen Gottes.

Ich würde für das Entzücken plädieren, das Entzücken Purcells.

 

 

Die Fahne des Fortschritts

Die Jagd nach der Deutungshoheit darüber, was eigentlich „progressiv“ sei, ähnelt einem Mannschaftsspiel.  Gruppen verschiedenster, aber in sich gleicher Ansichten laufen durch das Gelände und versuchen sich gegenseitig die „Fahne des Fortschritts“ abzujagen. Fortschritt ist fort-schreiten, hier rennen, die Fahne zu ergattern oder sie nicht zu verlieren. Richtung ergibt sich aus dem Gelände, den anderen Mannschaften, dem Spiel. „Besser“ ist die Mannschaft im Besitz der Fahne. Jeder, der die Kampfzone betritt, wird sofort und eindringlich von einer der Mannschaften rekrutiert. Es fällt schwer, nicht beizutreten, beim Kampf um die Fahne des Fortschritts.