Nur Sprache

auch ohne
Sprache. – Paul Celan

Es gibt allerdings Unaussprechliches.
Dies z e i g t sich, es ist das Mystische. – Wittgenstein

Die Deutung der derzeitigen Ereignisse ist nur in der Sprache und aus ihr heraus möglich. Die Sprache als Mittel scheinbar wissender Deutung versagt der Deutung den Dienst. Eigentlich versagen alle Mittel, einzudämmen, was durch Angst wächst.
Eine Monströsität gebiert eine neue. Erkenntnis verliert sich in ihrem Dschungel; nur die Sprache, die Sprechen & Sein ist, wegt sich durch das Unübersichtliche und schafft sich irrend neue Wege.
Eine Gemeinschaft einsam Sprechender, einander sich sehend und wegend.
Eine technokratisch-irrationale Situation kann nicht technokratisch und schon gar nicht irrational erklärt werden.
Mittels Logik kann nur gezeigt werden, was diese außer Kraft setzt.
Die Sprache in ihrer Ambiguität, ihrer Wurzel im Laut, in der Regung – im Peak rational – in ihrer Gesamtheit surreal; allein so kann Sprache sprechen.

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen. – Wittgenstein

Was ist?

Es ist die Angst vor dem Verlust einer Situation des Wohlstandes, die einen in der Illusion der Gefahrlosigkeit gefangen hält. Diese Angst wird durch mittelbare Gefahren stimuliert. Unmittelbare, direkte, echte Gefahr wird ausgeblendet, bzw. die mittelbare wird zur unmittelbaren Gefahr.
Jedoch nur scheinbar, aber dieser Schein überstrahlt und Alles wird zur Gefahr.

Die Angst im Schatten des Gesetzes

Das Archaische reicht aus der Vergangenheit des Menschen bis dahin, wo Unbewußtes Bewußtsein wird. Es reicht in unser Rechtssystem, seine Institutionen. Es ist in unserer Sprache, in den Spielen, nicht nur denen der Kinder.
Es ist in jeder Zeit und Gesellschaft anders, die Ägypter empfanden andere Dinge als überwunden als die Römer oder wir heute. Das Archaische ist das, was manche als primitiv empfinden, als nicht mehr zeitgemäß.
Es ist das Erbe an instinktivem Verhalten in unserem Wesen, das sublimiert Kultur und Sitte wird.

Adam erkannte sein Weib Eva. Der Begriff Erkenntnis zeigt in der Sprache, wie das Archaische in sie hineinreicht. Erkenntnis ist Sex, als das Begreifen des begehrenswerten Anderen. Es ist Liebe. Es ist Erkenntnis als intellektuelle Kulturleistung, durch die wir moderne Menschen wurden. Erkenntnis reicht vom Kreatürlichsten zum Intellektuellen, sie ist archaisch und modern zugleich.

Archaisch ist die Rache, die Ekstase, die Aggression, der Krieg, die Autorität der Alten, das Tabu, der Tribalismus der Horde und sein Verlangen nach Loyalität. Es ist das Wort, das ich halten muß, bei meinem Leben. Es ist der Aberglaube, der Glaube daran, daß alles beseelt ist.

Das Archaische ist der Fall-Back-Modus, wenn es kulturell nicht mehr geht.
Wir haben durchaus Lust an der Verfeinerung, der Differenzierung, an dem, was Kultur ausmacht. Wir können es bei Kindern beobachten, darin wie sie uns nachahmen.

In Situationen der Überforderung, des Drucks, der Aggression verlieren wir die Contenance und verlieren das Gesellschaftliche, das wir spielen. Kultur und Gesellschaft sind auch ein Spiel, in dem wir mitspielen.
Unsere Lust und Freude an Erkenntnis, läßt uns an Verbesserung und Verfeinerung arbeiten. Kinder möchten groß werden und solange wir nicht überfordert werden, wollen wir Verbesserung.
Kinder zeigen am deutlichsten die Begegnung zwischen dem Archaischen und der Kultur. In beide Richtungen, vor und zurück, in ihrem Nachahmen und ihrer Grausamkeit.

Es ist auch die Angst. Die vor Gespenstern, der Angst im dunklen Wald. Die Angst vor dem unbekannten Geräusch in der Stille. Die Angst vor dem Archaischen in uns, im Anderen, im Fremden.
Daß wir Menschen geworden sind aus Angst. Wir haben uns Waffen zum Schutz gebaut, Werkzeuge und Technologien, mit deren Hilfe wir vorsorgen können gegen den Hunger und die Kälte im Winter.
Die Angst der Tiere: das Reh zittert und flieht. Selbst Fuchs und Bär trollen sich. Affen klettern auf Bäume. Flucht- und Schutzinstinkte, die in unserem Unbewußten da sind. Sie und alle anderen Instinkte bilden die Quelle der Überraschung darüber, wie archaisch wir Menschen eben auch sind.
Daß unsere Angst eine andere, als die der Tiere ist, hat damit zu tun, daß wir nicht nur auf Gefahren reagieren. Wir wissen, daß es sie gibt, sie rufen sich selbst aus unserer Erinnerung in unser Bewußtsein.
Aber was unsere Angst verstärkt, ist auch die Voraussetzung, den Stier bei den Hörnern zu packen, die Gefahr anzugehen.

Dann gibt es noch die Angst vor der Angst. Die Mutlosigkeit vor dem Schritt, die Hörner zu packen.

Die Industriegesellschaft ist die Grundlage für das moderne Leben. Vor über einhundert Jahren waren ihre Transmissionsriemen und Räderwerke sichtbar, die Stahlwerke rauchten, der Lärm der Dampfmaschinen war unüberhörbar.
Es gibt immer noch Maschinen, Lärm, aber wir können nicht mehr nachvollziehen, wie sie funktionieren, sie sind zu schwarzen Schachteln geworden. Die zunehmende Abwesenheit schwerindustrieller Produktion aus Ballungsgebieten heraus, hat die gesamte Industrieproduktion selbst in eine Black-Box verwandelt.
Manche glauben, man könne an dieser Box drehen und schrauben wie man will. Nach wie vor ist aber Industrieproduktion die Umsetzung der Verfeinerung von Wünschen nach Dingen, die das Leben erleichtern: der Schritt von der ersten Sichel aus Holz mit Steinklingen zum Mähdrescher.
Sie ist die intellektuelle und manuelle Leistung einzelner Vieler in einem komplexen gesellschaftlichen Biotop.

Das system of boxes hat uns die Angst nicht und auch nicht die Angst vor der Angst genommen.

Trotz der zunehmenden Abwesenheit von Gefahr nimmt unsere Angst nicht ab. Im Gegenteil, die Bannung von Gefahren scheint eine Art Leere zu erzeugen, in die unsere Angst mit Lust zu strömen scheint.

Wir haben Angst, daß wir die Box auf Rädern verpassen, sei sie Lieferdienst oder Transportmittel. Daß wir Boxen in unseren Händen falsch bedienen, daß aus der kafkaesken Box, die das Schloß, die Behörde ist, die falschen Briefe oder Nachrichten in den Briefkasten flattern. Eine hypochondrische Manie, die uns beim Verlassen des Hauses zwingt, permanent aufzupassen, nicht das Falsche zu tun.

Oder ein Virus. Möglicherweise aus einer Box namens Labor. Die Angst vor der Angst, wir versuchen mit Schutzzaubern zu bannen, was da an Bedrohlichem auf uns zuzukommen scheint. Wir maskieren uns. Vielleicht erkennt uns das Virus ja nicht, wenn das Gesicht versteckt ist. Wir verwenden Desinfektionsmittel als Weihwasser. Das ist eben auch archaisch: wenn wissenschaftliche Erkenntnisse, die eigentlich immer von einem permanenten Prozeß des Zweifels begleitet werden müssen, in unser magisches Denken hinein verfestigt werden.

Offensichtlich geht einer Gesellschaft, die sich über ihre Produktionsweise nicht mehr im klaren ist, auch das Verhältnis zu sich selbst verloren. Im Einzelnen und in Gruppen.
Im Schatten der Black-Box entwickeln sich tribale Strukturen, von manchen Blasen oder Parallelgesellschaften genannt. Das Archaische kehrt zurück, je mehr kulturelle Errungenschaften als nicht mehr brauchbar gesehen werden. Im Schatten des Rechtssystems entstehen archaische Systeme.

Kultur- und Staatsbildung macht aus, dumpfe Volksgefühle in klare Rechtsprechung zu wandeln.
Möglicherweise hat die Verfeinerung dieser Prozesse zu einem Verlust an Präzision geführt. Der Drang, für jedes Problem, jede Gefahr einen Bann im Gesetz zu schaffen, scheint Rechtssysteme zunehmend zu ermüden, sie damit in ihrer Wirksamkeit zu entschärfen.

Der Wunsch des Staates nach Durchimpfung aller Bürger gegen SarsCov2 als eine zu zwingende Maßnahme, müßte in eine Rechtsform münden und die dafür nötige Mehrheit und Akzeptanz finden.
Da offensichtlich befürchtet wird, daß weder Akzeptanz noch Rechtsstaat das hergeben, wird dieser Wunsch an ein dumpfes, gäriges Volksgefühl übergeben.
Der Rechtsstaat kapituliert vor dem magischen Denken, daß eine Kommunion, eine Eucharistie der Impfung, die ganz offensichtlich von einer nicht unerheblichen Menge gefordert wird, eine Lösung wäre.
Nun tu doch was!, ist die Forderung nach einem Irgendwie des Handelns, wenn nichts mehr geht. Diese Forderung bringt selten rationales Handeln hervor, wenn ihr unbedingt Folge geleistet wird.
Nämlich der Frage nachzugehen, ob denn überhaupt und unbedingt und unmittelbar, immer etwas getan werden müsse.

Möglicherweise entstehen über diesen Umweg Gesetze, die wirksamer scheinen, als das Grundgesetz, obwohl sie diesem widersprechen. Das Grundgesetz dieses Landes setzt keine Handlungsoptionen bei Gefahr, sondern Grenzen gegen Gewalt. Es vertraut dem rationalen, streitbaren Austausch über Handlungsoptionen.

Die SED versuchte im Dezember 1989 durch eine Kampagne gegen polnische Staatsbürger, die unseren Bürgern Waren wegkaufen, von sich abzulenken.
Die Nationalsozialisten haben permanent das Rechtssystem von Weimar dadurch erodiert, daß sie einem Volkswillen freien Lauf ließen, einem Volkswillen, den organisierte Mobs manipulierten, flankierten und verstärkten.

Ich weiß nicht, ob es heute um Ziele geht, die aus einer rationalen Entscheidung der Politik hervorgehen, die mit Kampagnen zur Meinungs- und Entscheidungsbildung unterstützt werden.
Vielzusehr sehe ich gruppendynamische Prozesse, die sich gegenseitig beeinflussen. Sie finden immer weniger in demokratischen, rationalen Entscheidungsfindungen statt.
Aber immer mehr spielt das Archaische dabei eine Rolle.

Das Dämmern der Welt

Werner Herzog erzählt über Leutnant Hiroo Onoda, der von 1945 bis 1974 seinen Auftrag auf der phillippinischen Insel Lubang ausführte. Er solle die Stellung halten und für eine japanische Reinvasion bereit sein.
Japan kapituliert im August 1945, Leutnant Onoda hält die Stellung noch 29 Jahre.
Er entwickelt, ohne daß er eine Ausbildung dafür erhalten hätte, eine nachhaltige Guerillataktik, die ihn überleben läßt, obwohl alle Welt weiß, daß dieser Mann dort im Dschungel existiert. Herzog erzählt seine Geschichte schlicht und kurz, nur das Essentielle aus Onodas Situationen. Es entspricht dem Minimalismus japanischer Tradition.
Onoda wird ein hochqualifizierter Spezialist des Überlebens und des Kampfes im Dschungel. Alles, was er tut ist maßvoll, er plündert keine Dörfer aus, er nimmt sich nur, was er unmittelbar zum Überleben braucht, er tötet nicht ohne Not. Und ist gleichzeitig maßlos, was die Erfüllung seines Befehls betrifft. Er ignoriert alles, was auf ein Kriegsende hindeuten könnte. Er ist in seinem unmittelbaren Handeln absolut rational, mit der Welt um sich befindet er sich weiterhin im Krieg. Alle Zeichen (Flugzeuge und Schiffe nach Korea, nach Vietnam) deutet er als Verlagerung des Kriegs, in dem Japan noch immer kämpft.
Eine Erweiterung des Höhlengleichnisses, nur das Onoda in seiner Höhle nicht fixiert ist, er ist dort zumindest so frei, daß er seine Fähigkeiten, sein Talent und Können zu Überleben entwickeln kann. Eine Form der Askese.
Aber die Welt sieht er mit den Augen eines, der im Endkampf steckt, der nur kurz aufrechterhalten werden muß, um den Krieg zum Sieg zu wenden.
Die Welt außerhalb liegt für ihn im Dämmer, aber die Welt selbst auch, denn sie rettet ihn nicht. Erst ein naiver junger Japaner ist dazu in der Lage. Es spricht für Onoda, daß er auf ihn reagiert, ihn nicht tötet. Der Unschuldige, der das Biest erlöst.
Aber das Dämmern der Welt ist auch der Widerspruch, den Herzog beschreibt. Man kann auf der einen Seite total rational sein und das Überleben gibt einem recht. Sich aber auf der anderen Seit total irren. Daß sich diese Geschichte wie ein Märchen auflöst, ist ein Trost. Keiner für die zwei Männer, die ihm die Treue hielten.

Links & Rechts

Antisemitismus, bzw. Antijudaismus ist eine bis zu den Kreuzzügen, bis zur römischen Zeit zurückgehende Verschwörungs- oder Opfertheorie.

Der Marxismus geht in seinem Grund davon aus, daß eine herrschende Klasse die Verhältnisse macht.

Scheinbar ist die Verbindung von Hofjudentum und früher Industrialisierung eine Verbindung, die Marx totalisiert, in der er sein Judentum sublimiert.

Die heutigen linken Verschwörungstheorien gehen möglicherweise auf Marxismus und Antijudaismus zurück.

Sie ermöglichen dem Einzelnen, auf im (und aus dem) Verborgenen handelnde Mächte zu verweisen, auch in dem Sinne, daß der Einzelne dadurch gehindert wird, autonom zu handeln.

In dem Linke selbst Machtpositionen übernehmen, seis am Rande oder in der Mitte, geraten sie in Konflikt mit ihren Theorien, von Stamokap über militärisch-industrielle Komplexe, Globalisierung bis zum Great Reset. Sie entsorgen Teile ihres Weltbildes nach rechts.

Und versuchen eine Deutung der Welt über das Identitäre aus Minderheitenpositionen, welches eine Zeit eine gewisse Exklusivität genießt. Das Gruppenidentitäre verblaßt jedoch rasch und ersetzt die persönliche Identität nicht (möglicherweise ist das aggessive darin aus dem Mangel zu erklären). Das Gruppenidentitäre muß ständig erneuert & reaktiviert werden. Möglicherweise wird diese von dunklen Mächten bedroht.

Die Ablehnung der westlichen Kultur (was ihr auch inhärent ist), findet in der Machtposition seinen Höhepunkt. Man darf gespannt sein, wie es ausgeht.

Es gibt jedoch eine Restlinke, die die alten Verschwörungstheorien behalten, die nicht ohne sie leben können. Diese Ohnmächtigen, werden von den Mächtigen abgeschoben, die Mächtigen entsorgen ihren theoretischen Ballast dahin und schaffen einen neuen Gegensatz, ein neues Rechts.

Ob die Entsorgung des Verschwörungstheoretischen gelingt, bleibt die Frage. Es gibt dem Rest die Möglichkeit, sich als fremdbestimmt zu fühlen.

Aber auch die mächtigen Linken verlieren das Mißtrauen nicht. Was bedroht ihre Existenz?

Jenseits der linken Weltbilder gibt es die Vorstellung eines handelnden Individuums in einer Welt, in der der Zufall durchaus eine Rolle spielt.

In dieser Welt können durchaus Gruppen von Individuen stark Einfluß nehmen. Ob von Steuerung die Rede ist, darf bezweifelt werden.

Das Individuum bestimmt seinen Weg auch dadurch, wie es mit der Welt geht. In diesem Rahmen ist es Gestalter in den Grenzen seines Selbstes und der Welt. Es ist nicht ohnmächtig, obwohl es Situationen geben kann, wo es das ist.

Aber es muß über die Theorien von Verschwörungen dunkler Mächte lachen, zusehr kennt es sich selbst und darin den Menschen im Allgemeinen in seiner Fehlbarkeit. Nämlich der eigenen Versuche eingedenk, etwas gestalten zu wollen, was im Kollektiv noch schwieriger ist.

Jede Organisiertheit, die mehr dem Nutzen, als dem Schaden dient, ist als Wunder zu betrachten.

Insofern ist der realistische Mensch konservativ, indem er das Wunderbare erhalten möchte, pessimistisch, was die Planbarkeit von Gutem betrifft und skeptisch allen System-Theorien gegenüber.

Aber er freut sich über den Zufall, wenn etwas gelingt, seis mit oder ohne Mühe.

nochmal Josef Schwejk

Er wird, wessen man ihn beschuldigt: ein Staatsfeind, ein Idiot. Ist er einmal in die Rolle gekommen, stellt die Obrigkeit, die gerade der Fall ist, fest, daß es doch nicht ganz paßt. Die Denunziation braucht den Widerstand des Denunzierten. Es irritiert seine Lust zur Demut.
Schwejk befindet sich in einer Welt, die in ihre Tatsachen zerfällt. Ihre Werte, durch Ämter & Würden verkörpert, zerfallen, wie sie sich verfestigen wollen.

Stellen wir uns Schwejk als Häftling der Gestapo vor.
Der Nationalsozialismus als neue Tatsache, aus der zerfallenen kakanischen Welt. Ihre Werte berufen sich auf das Unwerte anderer. Die Gestapo hätte ihn ausgesondert: in ein Lager, eine Anstalt, eine Grube.

Die GPU dagegen hätte versucht, aus ihm das Geständnis zu prügeln, nämlich daß hinter seiner kleinbürgerlichen Ironie Drahtzieher steckten: feindlich-negative Kräfte.
Die GPU hätte Schwejk gebrochen und dann in die Grube geworfen.

Aber er ist ein gemütlicher Mann. Intelligent genug zu wissen, wann er sich anpassen muß, im Bewußtsein, daß er es tut, es spielt ohne Mutwillen.
Allein die Restzeit Kakaniens, ihre Gerade-Noch-Gemütlichkeit ist sein Biotop und hat die nötige Fallhöhe, die wir heute betrachten. Aber sie scheint uns berechenbar, man stürzt nicht zu Tode.

Er könnte auch heute durch die Straßen laufen und die Leute mit dem betrügen, wonach sie verlangen.
Nach einer Phase der Freiheit, ihre Steigerung in den Aberwitz, schlägt sie um in die Massenbetreuung von Risiken.

Noch könnte Josef Schwejk kopfschüttelnd und murmelnd, fast unbehelligt durch die Straßen laufen…

Machen & Sein

Sein ist das unmittelbare Leben, die Frage danach, der Weg der Suche. Es wird im Glück erfahren und in seiner Abwesenheit.
Das Machen ist das Handeln des Menschen aus dem Notwendigen heraus. Es ist seine Technik, seine Produktion, seine Routine. Machen & Sein in Einklang zu bringen, ist eine Sehnsucht. Besonders, wenn das Machen als Irrweg weg vom Sein empfunden wird.
Ohne Machen kann der Mensch nicht leben, ohne Sein erscheint ihm das Leben fade.
Zen ist ein Weg, in dem Machen zu Sein werden möchte.
Dringt das Machen zu sehr ins Sein, entstehen Hybride aus Bequemlichkeit oder Verwirrung.
Ohne Machen kein Sein. Ohne Sein ist Machen Machine. Der gemachte Mensch ist dem Tode näher als der, der über sich hinaus in ein höheres Sein im Machen wächst.
Das Machen scheitert am Widerstand des Seins, wenn es überdeht. Das Sein bleibt Selbstzweck, wenn es nichts macht.
Die Übung (nach Sloterdijk), die Askese ist Machen des Seins, die Übung macht den Seinszustand, wenn sie aktiv betrieben wird.

Die Welt zerfällt in Tatsachen

Beim Radfahren rauschen Wahlplakate an Laternenmasten an mir vorbei. Die Statements sind beliebig und austauschbar. Eine politische Welt, die different und verschieden war, ist implodiert und zerfällt nun in Einzelteile.
Ich frage mich, was sich da zusammensetzen, was nun der Fall sein wird.

Wortwörtlichkeit

Die Geschichte zu lesen, die Orwell in 1984 erzählt, bereitet mir Qualen, bis heute habe ich nie geschafft, sie zu beenden. Qual bereitet mir, daß die Geschichte keinen Ausweg läßt, der Held ist als Objekt total. Die Sprache erzählt Vorgänge.
Der Trost, der in den Texten Kafkas liegt, ist Wortwörtlichkeit. Seine Helden, sein erzählendes Ich sprechen und erzeugen jedes Wort so, als wäre es das erste Mal erschienen. Seine Worte werden zunächst nicht Bedeutung, daß sie im Zusammenhang eine Geschichte, einen Vorgang bilden. Sie bleiben erstmal nichts als Worte und bieten mir im Nachsprechen Trost.
Ja, dann entsteht auch bei Kafka Bewegung, die Nadeln schreiben Worte, wie nebenbei weht ein Hauch und eigentlich weht er auch schon dem Lesen voraus und da er aus eben jenen Worten kommt, ist er stärker, schwerer, als so manches andere.
Der Ausweg aus dem Irrwitz, den Kafka erzählt, liegt in seiner Wortwörtlichkeit.

Möglichkeitsvielfalt

Vor Jahren, wann weiß ich nicht mehr, gab es eine Möglichkeitsvielfalt. Ich empfand das für mich, meine Umgebung, die ganze Welt. Getragen von äußeren Einflüssen, wie Wissenschafts- und Technikentwicklung, als auch einer gesellschaftlichen Situation, in der Spielfreude und Denklust nicht selten waren.
Die Vielfalt schloß die Extreme Möglichkeitsangst, ~panik, die Illusion des Wünschens mit ein.
Nach Statistik & Wahrscheinlichkeitsrechnung dürften die Möglichkeiten eigentlich konstant sein.
Aber es hat sich verengt. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten blieb die reine Angst, gepaart mit töricht-panischem Wunschdenken als Ausweg.