Zwei X-Videos

1. Ein Mann tanzt allein auf einem grünen Hang, rings lagern locker Menschen, man hört Musik. Wir erfahren von dem X-Blogger, daß es sich um ein Musikfestival handelt. Hinter dem tanzenden Mann ein Zaun. Zwischen Zaun und Mann stehen eben zwei Frauen auf legen ihre Decken zusammen und gehen aus dem Bild.

Später heißt es, der Mann habe gesagt, er habe einfach nicht mehr länger sitzen können. Es heißt weiterhin, jemand habe den Mann darauf hingewiesen, daß er gefilmt werde.

Es scheint so, daß die nebenher Sitzenden, den Mann eher ignorieren oder bewußt unbeteiligt wirken.

Ein zweiter Mann kommt hinzu und tanzt mit, der erste greift ihn an den Händen und tanzt so ein paar Sekunden mit ihm. Der zweite hebt die Hand und winkt (vielleicht ruft er andere), gleichzeitig steht eine Frau, die unmittelbar neben den Tanzenden saß auf, entfernt sich ein Stück und setzt sich wieder.

Nun kommt ein Dritter, der Zweite schlägt Purzelbäume, eine Frau mit Bikinioberteil und Shorts setzt sich daneben und beginnt zu filmen. Dann sind es fünf Männer, die siebte Person ist die erste Frau. Es sind nun ungefähr fünfzehn Personen, mindestens vier Frauen.

Jetzt setzt ein Hinströmen ein, von allen Seiten rennen Frauen und Männer in die Gruppe und vergrößern sie ständig. Die Frau, die sich erst distanziert hatte, läuft nun zu der wogenden Masse. Die filmende Frau mit Bikinioberteil ist inzwischen aufgestanden und wird vom Rand der Masse mit diesem nach außen bewegt.

Die Masse dominiert das gesamte Bild des schwankenden Videos, trotzdem sind ein paar zu sehen, die noch auf der Wiese sitzen. Das Video bricht ab,

Im Kommentar zu dem Video steht noch der Hinweis, daß Bewegungen nicht mit der ersten Person beginnen, die das Risiko tragen, sondern mit der ersten, die sich anschließt.

2. Ein Gorillamännchen im Zoo spielt mit einem Gorillababy, greift es und läuft mit ihm davon, ein zweiter kleinerer Gorilla rennt beiden hinterher. Die Szene wiederholt sich ähnlich.

Im Kommentar steht, daß Haoko der Gorilla es liebe, Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, aber seine Frau es ihm nicht erlaube, wenn sie zu jung sind, also  „entführe“ er sie und zwänge die Mutter in eine harmlose, verspielte Verfolgungsjagd. Es ist eine Art Familientradition, wie er es mit allen drei seiner Kinder getan habe.

3. Video eins ist wie ein Lehrfilm zu Masse und Macht von Elias Canetti. Es ist die Dynamik der Bildung einer Masse zu beobachten. Nachdem Person 2 hinzukam, verringert sich der Zeitabstand bis Person 3, ab Person 4 sind es zeitgleich Person 4,5,6,7, die weitere Zustromdynamik könnte exponentiell genannt werden, gäbe es nicht eine begrenzte Menge verfügbarer Festivalbesucher. Frauen haben sich dieser Menge zögerlicher beigesellt, erst im Moment des nun gab es kein Halten mehr verschwanden Geschlechtsunterschiede.

Tanzende Männer (bis Person 5) für sich werden in unserem archaischen Gedächtnis eher als Kriegstänzer, zumindest auch gewalttätig wahrgenommen. Die Männer hier wirken eher verspielt, für sich, nicht aggressiv und nachdem die erste Frau (7) in der Gruppe ist, beginnt das Rennen in die Mitte aller GeschlechterDie kurze Zögerlichkeit der Frauen zeigt, daß es durchaus ein Mißtrauen darin gibt, daß der Tanz sich in eine kriegerisch-agressive Richtung entwickeln könnte.

Ein Haka-Haka oder der Tanz um das goldene Kalb, wie es Chagall auf einer Zeichnung darstellt. Am unteren Rand seiner Zeichnung flieht eine Frau mit einem Kind auf dem Arm die Menge.

Das Aufgehen des Einzelnen in der Masse, im Mythos des Goldenen Kalbes hat jeder Einzelne sein Eigentum abgegeben, das Eigene verschmolz in der Masse des Idols.

Die Gorillamutter hat Angst um ihr Kind, Kindstötung kommt vor, auch unter Menschen.

Sich der Masse entziehen zu wollen, ihr zu mißtrauen, kann Leben retten, zumal das des eigenen Kindes.

Der innerste Kreis: die Schutzwürdigen, Kinder und Alte. Darum der Kreis der Frauen. Außen der der Männer, der Krieger.

Was wäre, wenn eine Frau den Tanz eröffnet hätte?

4. Der Tanz scheint eine Sublimierung eines archaischen Bedürfnisses nach dem Tun des Einzelnen in der Menge zu sein. Die tanzende Menge kann bittend (Regen), werbend (Erotik) oder drohend (Krieg) sein. Die Intentionen der Menge kann wechseln oder umschlagen. Das Geschlecht der Tanzenden spielt eine Rolle, bzw. die Mischung.

Sich der Menge zu entziehen oder zu verweigern kann Ausschluß oder Tod bedeuten. Orpheus, der sich weigert, den Bacchantinnen anzuschließen, wird von ihnen zerrissen.

Hier beobachten wir neben dem Aufgesaugtwerden in der Menge noch anderes Verhalten. Flucht, Unbeteiligtsein (scheinbar und wirklich), aber auch Beobachten (Filmen).

Wieviel mögliche Gewalt steckt in diesem Vorgang?

Weltdeutung: Bewußtsein & Phantasie. Fehlt. Ist abhanden gekommen im Nebel.

Siehe, ich bins. Schließ deine Augen und sieh. Ich war tot und lebe.

Ich trete aus dem Haus in den Nebel der über der Wiese schwebt.

Herzschlag: sekündliches Glück Leben. Welt in der Hand. Schön.

 

(kursiv: Zitat aus Ulysses von James Joyce)

Erlösung II (Hiob)

Am Ende bleibt das gekränkte, ungeliebte, frierende und hungernde Individuum.

Für den Sterbenden gibt es keinen Trost.

Niemand hat bisher von einer anderen Welt berichtet.

Wenn die Existenz Jesu eines leistet, so die Erfüllung einer unendlichen Gnade, die jedem zuteil wird, sei er Mörder, Gewalttätiger, Verräter, Intrigant, Renegat oder Zweifler.

Erlösung I

Wenn das Problem des Hungers gelöst ist, treten andere in den Vordergrund.

Wenn alle Barrieren gefallen gefallen zu sein scheinen, die eine freie Erotik ermöglichen, bleibt im Reich der Freiheit immer noch die Ablehnung und die damit verbundene Qual der nicht erwiderten Zuneigung.

Also gekränkter Stolz und die Faulheit, die Kränkung zu überwinden.

Sodaß im Reich der Satten die Autoerotik und die Vernichtung des Stolzes zu gewinnen scheinen.

Optimismus

Der Optimismus der Sozialisten der ddr bestand aus 50 Prozent. Die anderen 50 bestanden aus Haß gegen den Westen.

Daß dieser die bessere Technologie hatte und die Menschen dort mehr Spaß und Freude, als im Sozialismus, verstärkte den Haß der Ideologen und das verstärkte in der Folge den Optimismus – ein Dauergrinsen, daß am Ende zerbrach.

Die, die dem Optimismus ausgesetzt waren, deren 50 Prozent war die real zusammenfallende Wirklichkeit zu einhundert Prozent.

Den Sozialisten von heute fehlt der Optimismus fast ganz. Sie ideologisieren Haß gegen Erfolg, gegen Schönheit und gegen Freude. Ihre Maße sind elend, wie ehedem. Sie bestehen aus Trümmern des realen Sozialismus (was sie nicht wissen, da sie keine Geschichte kennen), wie sie auch den Westen zertrümmern wollen.

 

(das Kursive ist ein Zitat aus: Kern meines Romans von Uwe Kolbe)

Abwesenheit

In der Stadt Kazimierz, die seit 1800 zu Krakau gehört, wird die Abwesenheit der Juden, die hier einst die Mehrzahl waren, durch die Vielfalt an Angeboten an internationalem Essen ersetzt. Man kann polnisch, tschechisch, asiatisch oder sonstwie essen, teuer oder billig.

Man sieht keinen einzigen Juden, kann sich aber über die Lebensweise jüdischen Lebens in der Alten Synagoge informieren. Todesanzeigen in hebräischer Schrift auf eine schwarze Steintafel gemeißelt, in Gold. Eine teure Form der Annonce. Diese Tafel wurde 1939 begonnen, sie trägt einige Inschriften, etliche Felder blieben leer, als wäre ab dem niemand mehr gestorben.

Es wird hier die Legende von Esther neu erzählt, die den polnischen König Kazimir liebte (und er sie, obwohl er sie nie heiratete) und der den Juden seine Stadt schenkte.

Purim heißt Los. Haman würfelte die Tage aus, die die Juden in Persien noch zu leben hatten. Mein Los ist das, was mir bleibt, wenn ich alle Träume und Möglichkeiten abziehe. Esther drehte das Los von Tod auf Leben, aber hier bleibt allein ihre Legende.

Weg & Hin

Wenn etwas, was wir das Leben nennen immer mehr als Simulation empfunden wird, in der solchen ausgelebt wird, muß das sterbliche Leben als Zumutung empfunden werden.

Blut, Schweiß, Tränen und Fäkalien sind es, die den Weg zur Hölle weisen, in ihr sind wir Mörder, Täter, solche, denen leben verlieren heißt.

Weshalb das Töten und Essen von Tieren aus Angst ein Mörder zu werden, vermieden wird. Wäre nicht digital generierte Nahrung das Beste?

Aber wer nicht gewinnen will, verliert auch nicht; verlieren heißt gewinnen.

Götz Aly: Wie konnte das geschehen​?

Nicht passieren, wie vorüber vorbei gehen, sondern Geschehnis.​

Aly zitiert in seinem Buch Zeitgenossen, die Gegner Hitlers waren, aber immer wieder bestimmten seiner Maßnahmen​ beipflichteten. Kündigung von  Versailles, Anschluß Österreichs, Sozialpolitik, Sieg über Frankreich, selbst Anteile des Antisemitismus. 

Aly sagt, der Nationalsozialismus ist keine kohärente Ideologie, im Gegenteil, die NS übernehmen Strömungen, die schon da sind, manche werden ins gewalttätige, mordslüsterne verstärkt und das Volk wird zu Komplizen – mehr oder minder.

Zurückingenieurt aus dem Auftreten heutiger Anfifaschisten heraus, die eben gerade aus Einzelnem den Einzelnen als Nazi oder Faschisten denunzieren gilt es, hier im Detail entgegen zu sprechen, die Strömungen die der NS aufnahm von dem zu trennen, – ja was? Hat den NS denn dann ausgemacht?​

Oder gibt es Gleichungen zur radikalen Linken, was Formen von Unterdrückung, Ressentimmentismus, Kollektivismus bis in die Symbole (die Farben des NS und der Antifa sind: Schwarz Weiß Rot) betrifft? Es steht eine fragende Betrachtung gegen reine Denunziation.

 

Die Schöne

die Herakles die Steine aus dem Weg räumt auch im Denken: Wenn eine Angelegenheit dahingehend gedeutet werden kann, daß eine Diskriminierung die Ursache wäre, so wird sich diese Deutung durchsetzen.

Als der einfachere Weg, den Schöngeister dann als das Einfache das schwer zu machen ist beschreiben. Da die Teilhabe daran so einfach ist, sich kaum als Ergebnis von Auseinandersetzung und Kampf mit sich selbst auszeichnet – viel eher

ist der Widerstand gegen das scheinbar Ein Fache, nämlich die Abkehr vom Common Sense, die Auseinander – Setzung, die Voraus – Setzung eigenen Denkens eine Bedingung, das Einfache zu finden, sich in dieses zu finden –

aber ohne das, ist die Teilnahme am Common Sense nichts. Also finden sich immer mehr diskriminierte Minderheiten mehrheitlich wieder.

Inseln des Handelns

Das Bild des Weges, der eine Kausalkette unseres Lebens als Erzählung darstellt, ist schon immer zu einfach gewesen. Der Scheideweg, an den Herakles gerät, die Schöne die ein leichtes Leben verspricht, die Häßliche, die Steine in den Weg legt.

Wenn Leopold Bloom an einem Tag durch Dublin geht (ein heute noch nachvollziehbarer Weg), passieren bei jedem Schritt Explosionen von Ausdrücken des Seins. Auch Tristram Shandy bewegt sich mehr rückwärts.

Die meißten verabscheuen Herbstregen, wappnen sich oder versuchen zu vermeiden. Egal was wir wähnen, versuchen oder vermeiden wollen, jetzt eben werden wir von Strömen bewegt und nur manchmal finden wir auf Inseln kurz Ruhe.

Kaum festen Boden unter den Füßen, erklären wir den Nächsten den Krieg, denn die Quadratmeter sind rar. Oder wir stellen uns an den Rand und schauen auf die tosenden Wellen, die uns eben noch trieben und erklären ruhig den andern die Welt.