Das Zittern der Kanzlerin

Ich habe keinen Grund mehr. Ich sehe was der Grund ist. Ein Netz aus Vasallen. Sie halten es noch, aber ich spüre ihre Schwäche. Ich habe keine Starken unter ihnen. Ich hätte dafür sorgen sollen. Aber ich habe die Starken nie geduldet neben mir, nur als Gedemütigte.
Meine Stärke: Dazusein, wenn alle ihr Pulver verschossen haben. Anzufangen, wenn die anderen müde sind: meine Ausdauer. Meine Kraft wächst aus der Schwäche der anderen. Vielleicht weiß ich schon lange, daß ich stürzen werde. Ich siegte, als die Starken mir ihre Schwäche als meine Kraft gaben. Jeder kluge Herrscher sollte Starke an seiner Seite haben, wenigstens einen. Wen aber hätte ich dulden können. Jeder Starke möchte von andern Starken etwas gegeben bekommen, daß er anders zurückgibt. Ich habe nichts. Ich hatte nie etwas.
Ich habe die Menge gesucht. Die Kraft der Menge hat mich getragen. Wenn die Menge ihren Irrtum bemerkt, zerstreut sie sich. Teile bilden neue Allianzen um neue Irrtümer. Sie sucht sich andere Helden, in denen sie Ihresgleichen sucht.
Ich war die Beste in meiner Kategorie! Die Menge möchte den Propheten, den sie fallenlassen kann, wie den Müll, den sie nicht mehr braucht. Ein Ihresgleichen unter der Gleiche der Banalität.
Ich habe versucht, der Banalität einen Sinn zu geben, ein ZEN dessen, worin weder Sinn noch Zen ist. Meine Popularität: Die Gemeinschaft des Zen der Banalität.
Meine Schwäche ist kein Zentrum mehr für die Menge. Ich halte mich noch mit den Armen fest. Aber mein schwerer Körper hängt über dem schwindenden Grund.
Ich zittere.

Vom Verfall

Wird der rechte Weg verlassen
entstehen Güte und Moral
Wissen und Klugheit kommen auf
und große Heuchelei folgt
Zerbricht die Eintracht der Familie
entsteht Kindespflicht und Elternliebe
Wenn das Land in Wirren und Chaos gerät
treten ergebene Staatsdiener auf

Lao Tse: Tao Te King
Neufassung und Nachdichtung von Bodo Kirchner

Es hätte schlimmer kommen können

In meinen dunklen Momenten glaubte ich, daß der Tag kommen würde, an dem dem Bürger vom spitzen Kopf der Hut fliegt. Eine Kugel flog durch die Zeit von Sarajevo nach Sarajevo. Der Erzherzog liegt in seinem Blut neben den Leichnamen derer, die aus Not nach Wasser gehen mußten. Afghanistan ist kein Ort, unseren Mut zu beweisen. In Srebrenica standen wir schon bevor es passierte und ließen es geschehen.
Ich hatte der Verweigerung den Dienst quittiert, meinen Acker zu bestellen. Die Felder ringsum sind leer und verkrautet, gelegentlich fährt ein Traktor vorbei. ein Mann steigt aus und beschimpft das trockene Unkraut vom letzten Jahr. Es hätte schlimmer kommen können. Ein Panzer mit einem schwarzen Kreuz oder einem roten Stern fährt über das Feld. Seine Rauchfahne ist schwarz. Das Feld ist bestellt, die Bauern auf der Flucht.
Dahinten kniet noch einer in seiner Furche. Ist das eitel? Es hätte schlimmer kommen können. Ein Griff an den Kopf, ein Schlag auf die Stirn: fürchte ich mich, zu erfahren warum die Felder rings brach liegen?
Es hätte schlimmer kommen können. Da wo dein Feld an die Straße grenzt, steht ein Wagen. Eine Frau und ein Mann stehen davor und rauchen. Was du befürchtest: sie lachen dich aus.

Das Haus,

wir vernachlässigten das Haus. Nicht ungepflegt, es sah so aus, daß wir zufrieden waren; wie es aussehen sollte, auch für die Nachbarn. Nachlässig betraten wir es und nachlässig schauten wir aus dem Fenster. Wir hatten vergessen, wie es ist, kein Haus zu haben.
Es brannte ab und wir fielen auf die Knie. Wissen wir nun, daß uns weniger gehört, als Knie und Fußspitzen bedecken?

der pariser Feuerwehr gewidmet

Der Koffer

hat viele Taschen, in denen von jeder Reise etwas zurückbleibt, eine Socke, eine Rechnung, Krümel, die mit auf die nächste Reise gehen. Er ist groß und ist er voll, so schwer, daß er fast nicht getragen werden kann, sondern gerollt werden muß. Er hat dazu zwei Räder und einen herausziehbaren Griff. Ihn zu schließen, ist mühsam, vor jeder Fahrt scheint er voller zu werden, als nähme er von überallher etwas mit.

Auf schmalen Pfaden

Ich habe keine genaue Vorstellung, wie Bashos Wanderung durch das Hinterland eigentlich aussah. Der Weg seine Kartierung sind mir rätselhaft. Ich sehe die Erzählung des Wegs nicht. Aber im Augenblick des Lesens sehe ich mit seinen Augen, alles ist jetzt: die Kiefern, die Blüten, der Abend zu Gast. Im Erzählen spannt Basho den Bogen nach China (wo er nie war, so wie ich nie in Japan war), zu dem Gedicht eines Freundes, daß er auswendig weiß oder bei sich trägt. Es ist die Gleichzeitigkeit aller gespannten Sinne, in das Jetzteben, in die Vergangenheit, in die Zukunft, die der Leser eines Autors ist, der vor Vierhundert Jahren lebte. Durchaus eine Seinsform von Gott, die die Vorstellung von Gott nicht braucht.

Der blinde Fleck

Religiöser Glaube und Aberglaube sind ganz verschieden. Der eine entspringt aus Furcht und ist eine Art falscher Wissenschaft. Der andre ist ein Vertraun.

Ludwig Wittgenstein: Die unsinnige Frage nach dem Guten. Bemerkungen über Glauben und Religion.

Greta füllt mit ihrem weißen Kleid den blinden Fleck der Angst. Den des Aberglaubens. Offensichtlich mangelt es heute an der Fähigkeit, Glaube ins Weite zu transzendieren. Anders formuliert, wir der Möglichkeit beraubt zu sein scheinen, Vertrauen ins Weite empfinden zu können, überhaupt Vertrauen empfinden zu können, angesichts der Möglichkeit der schnellen Ansicht von (scheinbar) Allem. So bricht die alte abergläubische Angst durch, die nun nicht mehr die Natur mit den Dämonen menschlicher Bosheit und Unvollkommenheit bevölkert, sondern Alles, was Menschen selbst hervorbringen. Ein Aberglaube aus Konsumtion, selbst dieser ein Konsumprodukt – Gretas Popenkaste hat sich die Markenrechte schon gesichert.