Die Welt zerfällt in Tatsachen

Beim Radfahren rauschen Wahlplakate an Laternenmasten an mir vorbei. Die Statements sind beliebig und austauschbar. Eine politische Welt, die different und verschieden war, ist implodiert und zerfällt nun in Einzelteile.
Ich frage mich, was sich da zusammensetzen, was nun der Fall sein wird.

Wortwörtlichkeit

Die Geschichte zu lesen, die Orwell in 1984 erzählt, bereitet mir Qualen, bis heute habe ich nie geschafft, sie zu beenden. Qual bereitet mir, daß die Geschichte keinen Ausweg läßt, der Held ist als Objekt total. Die Sprache erzählt Vorgänge.
Der Trost, der in den Texten Kafkas liegt, ist Wortwörtlichkeit. Seine Helden, sein erzählendes Ich sprechen und erzeugen jedes Wort so, als wäre es das erste Mal erschienen. Seine Worte werden zunächst nicht Bedeutung, daß sie im Zusammenhang eine Geschichte, einen Vorgang bilden. Sie bleiben erstmal nichts als Worte und bieten mir im Nachsprechen Trost.
Ja, dann entsteht auch bei Kafka Bewegung, die Nadeln schreiben Worte, wie nebenbei weht ein Hauch und eigentlich weht er auch schon dem Lesen voraus und da er aus eben jenen Worten kommt, ist er stärker, schwerer, als so manches andere.
Der Ausweg aus dem Irrwitz, den Kafka erzählt, liegt in seiner Wortwörtlichkeit.

Möglichkeitsvielfalt

Vor Jahren, wann weiß ich nicht mehr, gab es eine Möglichkeitsvielfalt. Ich empfand das für mich, meine Umgebung, die ganze Welt. Getragen von äußeren Einflüssen, wie Wissenschafts- und Technikentwicklung, als auch einer gesellschaftlichen Situation, in der Spielfreude und Denklust nicht selten waren.
Die Vielfalt schloß die Extreme Möglichkeitsangst, ~panik, die Illusion des Wünschens mit ein.
Nach Statistik & Wahrscheinlichkeitsrechnung dürften die Möglichkeiten eigentlich konstant sein.
Aber es hat sich verengt. Aus der Vielfalt der Möglichkeiten blieb die reine Angst, gepaart mit töricht-panischem Wunschdenken als Ausweg.

Der stete Tropfen

Das Faß verhält sich dynamisch und läuft nicht über. Unzählige Tropfen, von denen es jeder zum Überlaufen gebracht hätte haben müssen. Offensichtlich wächst das Faß mit seiner Duldsamkeit.

Impfen als Eucharistiefeier

Alle haben mit Allen teil aneinander. Der injizierte Impf-Stoff als die Substanz einer Feier, die durch die Verletzung einem kollektiven Kannibalismus nahekommt. Mit der freiwilligen Selbstverletzung wächst die Scham, die den Bacchantinnen gleich, keine Nicht-Teilnehmer duldet.
Die Hybris, daß das menschliche Wissen größer erscheint, als es ist oder durch Geduld sein könnte, als Travestie Gottes. Das Begreifen von Gott: Etwas ist größer als wir. Aber wir sind Teil und sind es gleichzeitig, nur eben nicht ganz in dem Sinne, daß wir in der Summe Gott bilden.
Der Impf-Stoff erlöst nicht von dem kleingedachten Übel. Er ist beladen mit dem Zwang zur Notwendigkeit, ohne dauerhafte Prüfung auf Wirkung und Schaden.
Nur durch Demut bleiben wir Teil des Größeren, Erhabenen. Wir verlieren es durch den Wahn, selbst erhaben oder groß sein zu wollen und geraten in den Zwang, andere zwingen zu müssen, um wenigsten die Illusion einer Gemeinschaft derer zu sein, die durch den Impf-Stoff verbunden sind.

Fremdtext

Es wurde ihnen die Wahl gestellt, Könige oder der Könige Kuriere zu werden. Nach Art der Kinder wollten alle Kuriere sein.Deshalb gibt es lauter Kuriere, sie jagen durch die Welt und rufen, da es keine Könige gibt, einander selbst die sinnlos gewordenen Meldungen zu. Gerne würden sie ihrem elenden Leben ein Ende machen, aber sie wagen es nicht wegen des Diensteides.

Franz Kafka: Das dritte Oktavheft

Simulation einer Katastrophe

Nehmen wir einmal an, der Hergang des Auftauchens eines neuen Virus‘ sollte der Anlaß zu einer weltweiten Mobilmachungsübung gewesen sein, welche die Frage stellt, inwieweit wir auf die Katastrophe einer Epidemie durch einen tödlichen Erreger vorbereitet sind. Ein Erreger, der bis dahin unbekannt, bzw. in dieser Form neuartig gewesen ist.
In China gibt es einen Arzt, der warnt, er wird zum Staatsfeind erklärt und stirbt später möglicherweise an der Krankheit, die das neue Virus auslöst.
Erratische Leugnung der Gefahr (wenn der Begriff der Coronaleugnung jemals zutrifft, dann hier), die in hektisches Handeln umschlägt. Erkenntnisse, die ignoriert werden, vor und nach dem Umschlag in den Panikmodus, es wird nicht diskutiert, wird keine öffentliche Diskussion angeregt, die dem Erkenntnisgewinn dient. Es wird dekretiert und aktionistisch gehandelt (vierzehn Tage Krankenhausbau!), nach klassischem (und gleichzeitig auch animistischem) Muster, daß viele und große Aktionen, viel verhindern. Diese Art und Weise ist der Geburtsfehler des Umgangs mit dem neuen Virus.
Das erratische Handeln bestimmt, was passiert; auch in der Interaktion von Macht & Volk, die sich gegenseitig bedingen. Wo das Volk Handeln verlangt, gibt die Macht das Verlangte und das Volk folgt. Es ist eine gegenseitige Versicherung von Handeln, von dem was geschehen müsse; jeder gibt das Verlangte, keiner handelt verantwortlich.
Wo eine Balance von Volatilität und Struktur nötig gewesen wäre, in der Suche nach Erkenntnis und der Suche nach der Wirksamkeit von Maßnahmen, fand nur die Lähmung in der Bewegungslosigkeit statt.
Die Welt sieht im Januar 2020 auf China, reibt sich verwundert die Augen und -? – wiederholt die gleichen Fehler. Also erst Leugnung einer möglichen Gefahr, dann maßlose Überbewertung samt Angstkampagnen, die ihrerseits in der Bevölkerung Rufe nach Maßnahmen laut werden lassen.
Auf die Zweifler an der Gefährlichkeit des Virus‘ und der Richtigkeit der Maßnahmen projizieren die Erratiker ihr vormaliges Leugnen und entsorgen das eigene Versagen in den Begriff des Coronaleugners. Es finden bei den Verantwortlichen keine intellektuell nachvollziehbaren Wechsel statt. Es handelt sich um Sprünge aus einem Starrzustand in den nächsten.

Insofern wurde der Simulationstest nicht bestanden. Eine mögliche echte Katastrophe durch einen gefährlichen Erreger hätte fatale Folgen.

Das Hochwasser in Westdeutschland bestätigt das und ergänzt es.
Es gibt kein funktionierendes Katastrophenmanagement. Volatiles Handeln hieße hier, auf viele Gefahren vorbereitet zu sein, die verschiedenen Wege des Wassers in verschiedenen Landschafts- und Siedlungsformen vorauszusehen, zu warnen, Menschen zu evakuieren, etc.
Es gibt schon Warnsysteme, aber sie scheinen ermüdet zu sein und arbeiten nicht in der notwendigen Intensität.
Das trifft auch auf die individuellen Sensorien für Gefahr einzelner Menschen zu. In einer Gesellschaft, in der Alles sicher scheint, wird die Katastrophe zur Unmöglichkeit. Die Achtsamkeit für Gefährdung sinkt.

Trotz langer Erfahrungen, trotz Wissenschaft & Technik verhalten wir uns unbekümmert und archaisch zugleich. Zuerst ignorieren wir eine Gefahr, dann überschätzen wir sie und laden sie mit mythischen Deutungen auf.

Die intelligente, die dumme Horde

Schwarmintelligenz ist evolutionär entstanden. Vögel, die sich am Himmel in Schwärmen begegnen, stoßen sich nicht den Kopf und fallen runter. Sie verhalten sich Wind & Wetter, Feinden gegenüber so, daß sie nicht nur leben und überleben, sondorn zeigen uns auch noch schöne Schwarmbilder. Es wirken individuelle Eigenschaften höchst komplex und schnell miteinander, jedoch bleibt das Verhalten der einzelnen Vögel instinktiv, reaktiv und unbewußt.
Das kann man auch auf die Menschenhorde übertragen, die sich durch die Gefahren der Savanne bewegt. Gefahr läßt die Individuen verschwinden und zur funktionierenden Masse werden.
Das Hordenverhalten: der Einzelne ordnet sich in die Übungen der Gemeinsamkeit.
Dem entgegen steht und wächst die menschliche Arbeitsteilung, das Konservative versucht das Individualistische in das Hordenverhalten zu integrieren.
Das Symphonieorchester, das Double-Quartett Ornette Colemans (Free Jazz – 1961), das Operationsteam, das Team, das ein Betriebssystem entwickelt – die intelligente Horde. Entstanden in Auseinandersetzungen des Prozesses der Arbeitsteilung. Die intelligente Horde trägt Vieles der evolutionär entwickelten, mehr unbewußt agierenden Horde in sich. Auf den Vogelschwarm übertragen hieße es, daß der Einzelne bewußt Flügel schlagen würde. Das unbewußte Agieren geschieht hier auf dem Niveau der Fertigkeit, der Musiker muß nicht darüber nachdenken, wo C angeschlagen wird.
Beiden Horden ist die Anspannung gemein, die eine, die das Überleben sichert und die andere, welche den Erfolg des Unternehmens garantiert. Es gibt Situationen, wo das verschmilzt, nämlich das Symphonieorchester in einer Überlebenssituation vor Publikum spielt.
Wie intelligent sind bürokratische Horden? Ämter, Parteien, Vereine, Firmenhierarchien?
Werden sie rein instinktiv und irren sich dabei noch, verlieren sie und gehen unter.
Ein schönes Beispiel liefert derzeit die Partei Die Grünen. In ihrer Gründungsphase und der Phase ihres Aufstiegs haben primitives und intelligentes Hordenverhalten zum Erfolg geführt. Diese Partei hat in den letzten Jahren eine Entwicklung genommen, in der aus dem, was vielleicht einmal Erkenntnis war, ein kollektives Mantra der gegenseitigen Versicherung geworden ist. Nämlich, daß man recht hat. Weit entfernt von der Anspannung des Musikers, die auch ein Zustand der Verunsicherung ist, nötig, um etwas mit anderen zum klingen zu bringen.
Nun hat man aus der eigenen Mittelmäßigkeit heraus eine Führerin gewählt, die eher am unteren Rand des Mittelmäßigen agiert, aber so als Projektion für Alle in der Partei geht. Es zeigt sich aber, daß es Teile der Gesellschaft gibt, die höhere Ansprüche stellen und nun das Ansehen der Führerin ins Wanken bringen und damit die Partei, die ihren Irrtum nicht einsehen kann, weil sie dem Instinkt folgt, das Gesicht nicht zu verlieren.

Gnade

Die Gnade Jesu zu empfangen, kostet kein Opfer. Einer Kirche beizutreten schon. Der gesunde Menschenverstand verbietet, an die Jungfräulichkeit einer Schwangeren zu glauben. Ein Bekenntnis abzulegen, das die Institution der Verwaltung der Gläubigen einschließt, ist ein Opfer.
Die Gnade, die Jesus gewährt, unterscheidet ihn von allen anderen Religionen, sie kommt allein aus seiner Existenz, aus seinem freien Willen und hat auf mich keinen Anspruch. Im Gegenteil, sie löst in mir das Gefühl ihrer Unendlichkeit aus.
Jeder Versuch, diese Gnade nach-zu-ahmen, führt in die Verengung.
Ich opfere meinen freien Willen nicht, merke jedoch seine Grenzen angesichts der Unendlichkeit der Gnade. Es bedarf des freien Willens, diese Gnade zu erfahren.
Aus Angst wird niemand zu einem dauerhaften Anhänger von irgendwas. Das Ressentiment ist Angst vor dem freien Willen.