Es hätte schlimmer kommen können

In meinen dunklen Momenten glaubte ich, daß der Tag kommen würde, an dem dem Bürger vom spitzen Kopf der Hut fliegt. Eine Kugel flog durch die Zeit von Sarajevo nach Sarajevo. Der Erzherzog liegt in seinem Blut neben den Leichnamen derer, die aus Not nach Wasser gehen mußten. Afghanistan ist kein Ort, unseren Mut zu beweisen. In Srebrenica standen wir schon bevor es passierte und ließen es geschehen.
Ich hatte der Verweigerung den Dienst quittiert, meinen Acker zu bestellen. Die Felder ringsum sind leer und verkrautet, gelegentlich fährt ein Traktor vorbei. ein Mann steigt aus und beschimpft das trockene Unkraut vom letzten Jahr. Es hätte schlimmer kommen können. Ein Panzer mit einem schwarzen Kreuz oder einem roten Stern fährt über das Feld. Seine Rauchfahne ist schwarz. Das Feld ist bestellt, die Bauern auf der Flucht.
Dahinten kniet noch einer in seiner Furche. Ist das eitel? Es hätte schlimmer kommen können. Ein Griff an den Kopf, ein Schlag auf die Stirn: fürchte ich mich, zu erfahren warum die Felder rings brach liegen?
Es hätte schlimmer kommen können. Da wo dein Feld an die Straße grenzt, steht ein Wagen. Eine Frau und ein Mann stehen davor und rauchen. Was du befürchtest: sie lachen dich aus.

Das Haus,

wir vernachlässigten das Haus. Nicht ungepflegt, es sah so aus, daß wir zufrieden waren; wie es aussehen sollte, auch für die Nachbarn. Nachlässig betraten wir es und nachlässig schauten wir aus dem Fenster. Wir hatten vergessen, wie es ist, kein Haus zu haben.
Es brannte ab und wir fielen auf die Knie. Wissen wir nun, daß uns weniger gehört, als Knie und Fußspitzen bedecken?

der pariser Feuerwehr gewidmet

Der Koffer

hat viele Taschen, in denen von jeder Reise etwas zurückbleibt, eine Socke, eine Rechnung, Krümel, die mit auf die nächste Reise gehen. Er ist groß und ist er voll, so schwer, daß er fast nicht getragen werden kann, sondern gerollt werden muß. Er hat dazu zwei Räder und einen herausziehbaren Griff. Ihn zu schließen, ist mühsam, vor jeder Fahrt scheint er voller zu werden, als nähme er von überallher etwas mit.

Auf schmalen Pfaden

Ich habe keine genaue Vorstellung, wie Bashos Wanderung durch das Hinterland eigentlich aussah. Der Weg seine Kartierung sind mir rätselhaft. Ich sehe die Erzählung des Wegs nicht. Aber im Augenblick des Lesens sehe ich mit seinen Augen, alles ist jetzt: die Kiefern, die Blüten, der Abend zu Gast. Im Erzählen spannt Basho den Bogen nach China (wo er nie war, so wie ich nie in Japan war), zu dem Gedicht eines Freundes, daß er auswendig weiß oder bei sich trägt. Es ist die Gleichzeitigkeit aller gespannten Sinne, in das Jetzteben, in die Vergangenheit, in die Zukunft, die der Leser eines Autors ist, der vor Vierhundert Jahren lebte. Durchaus eine Seinsform von Gott, die die Vorstellung von Gott nicht braucht.

Der blinde Fleck

Religiöser Glaube und Aberglaube sind ganz verschieden. Der eine entspringt aus Furcht und ist eine Art falscher Wissenschaft. Der andre ist ein Vertraun.

Ludwig Wittgenstein: Die unsinnige Frage nach dem Guten. Bemerkungen über Glauben und Religion.

Greta füllt mit ihrem weißen Kleid den blinden Fleck der Angst. Den des Aberglaubens. Offensichtlich mangelt es heute an der Fähigkeit, Glaube ins Weite zu transzendieren. Anders formuliert, wir der Möglichkeit beraubt zu sein scheinen, Vertrauen ins Weite empfinden zu können, überhaupt Vertrauen empfinden zu können, angesichts der Möglichkeit der schnellen Ansicht von (scheinbar) Allem. So bricht die alte abergläubische Angst durch, die nun nicht mehr die Natur mit den Dämonen menschlicher Bosheit und Unvollkommenheit bevölkert, sondern Alles, was Menschen selbst hervorbringen. Ein Aberglaube aus Konsumtion, selbst dieser ein Konsumprodukt – Gretas Popenkaste hat sich die Markenrechte schon gesichert.

Auch ich werde Irgendwann älter

Der nächsten Schritt aus der Halb-Wert-Zeit des letzten. Wohin, ich weiß nicht wohin, niemand scheint zu wissen wohin. Einer sagt: Dahin. Ein anderer: Dorthin. Hier zumindest herrscht Einigkeit: Dahin und Dorthin.

Der Stummel

Der Baum hat sechzig Jahre gestanden. Übrig blieb ein Stubben, die Sägestelle hüfthoch. Ein Loch in der Mitte dokumentiert den Grund. Gestern brannte der Stubben von innen heraus, feuchter Qualm stieg aus dem Loch. Jemand alarmierte die Polizei, es kamen zwei Fahrzeuge mit vier Beamten. Einer ging in die nahe Bibliothek, einen Eimer Wasser zu holen, eine Nachbarin kam mit einem weiteren Eimer, den ein weiterer Beamter nahm um in der Bibliothek Wasser zu holen. Ein halber Eimer hätte genügt, den Brand zu löschen. Der Stubben ist durchnäßt, die Polizisten rauchen und lachen. Wie um zu zögern, in die Wagen zu steigen.

die bittere Rose

Bei Libuše Moníková (Die Fassade) stieß ich auf den Mythos der bitteren Rose, den Hinweis, daß er in Daumal: Der Berg Analog erzählt wird.
Wer vom Blatt der bitteren Rose gekostet hat, dem brennt die Zunge, wenn er lügt.
Die Wahrheit soll ja mit klarer Stimme sprechen, mit einer Stimme, mit einer Zunge, sagt man. Die Lüge spricht mit gespaltener Zunge, hat viele Beine. ETC. Was der Mythos der bitteren Rose erzählt, wie die Lüge dem Lügner zusetzt. Könnte man nicht davon ausgehen, daß sie viel eindeutiger ist als die Wahrheit?

Greta & Michel

Es ist unmöglich, durch Ansichten zur Wahrheit zu gelangen, denn jede Ansicht ist nur ein ver-rückter Blick auf die Wirklichkeit.

Emile Cioran: Gevierteilt

Greta stellt die Forderung, uns zu ändern. Sie ist der reine, kindliche, kalte Engel, der fordert und überwacht. Wegen der Reinheit unkritisierbar, der Kälte unbeirrbar, gibt ihr die Kindlichkeit den Anschein der Wahrheit. Sie ist der Schatten des Kindes, das über den nackten Kaiser lacht. Sie scheint Hoffnung zu verkörpern. Wäre sie ein schrecklicher Engel, hätte sie keine Zweifel an ihrem Tun. Sie wird sie haben und mit jedem Aufreißen des Mundes und Atmen und Redens wird sie gegen den Zweifel kämpfen.
Klammer(Vielleicht der Schatten des Kindes, der über sich selbst (die Schattenwerfende) lachen müßte)
Der Held aus Houllebecqs Serotonin ist ganz auf der Seite des Zweifels; die Depression hat ihn gepackt, aber was er tut (nachdem er versucht war, Gott zu sein), ist das einsamste, einzigste Tun eines Menschen (Heiligen?). Ohne Publikum, gäbe es den Leser, den Autor nicht.