linke Tugenden

Die Frage, ob es linke Tugenden gibt. Schaut man sie sich an, so steckt hinter jeder ein archaische, kollektivistische Tugend. Solidarität ist Stammeszusammenhalt, Gerechtigkeit ist Neid, Kampfesmut ist Wut der Masse. Es gibt offensichtlich keine. Es gibt aber und das immer mehr eine Eigenschaft. Die Feigheit. Die Feigheit, in der Masse zu sein. Nur dann zu agieren, wenn ich in der Masse bin. Es gab eine Zeit, da Linke lange theoretische Bleiwüsten fabrizierten. Von Marx zum Neuen Deutschland, von Adorno zur frühen Taz. Hier gab es Auseinandersetzung, auch die, die ihre Kraft aus dem Individuellen nahm. Die heutige Linke ist völlig kollektiviert hinter der Mauer der Sprachregelung. Die Feigheit ist der gemeinsame Nenner. Ein Ich, das sich nicht traut, selbst um sich zu sorgen, ist schon eine Prädestination für das Linkssein, nämlich nichts anderes, als der kollektivierte Neid auf Alles, was einen eigenen Gang, eine eigene Stimme, ein Denken und Handeln hat oder um es mit Kafka zu sagen, einem wirklichen Kopf, also auch einer Stirn, um mit der Hand an sie zu schlagen.

Im Brunnen der deutschen Seele liegt…

…der Schlüssel des Schlosses, mit dem der Einzelne an den Nationalsozialismus gekettet war und ist. Das, was Befreiung genannt wird, ist nur die Zerschlagung der Kette, nicht mehr. Der Umgang mit dem Schlüssel ist eine persönliche Tat.

Die Ambiguität, auszuhalten, zu einem Volk der Täter zu gehören, die Tat abzulehnen, ohne zu bestreiten, sie zumindest getan haben zu können, ist einfacher, als die Bekämpfung des Erb-Teils Täter in sich. Dieser arbeitet nämlich in seinem End-Kampf-Bunker umso heftiger, umso heftiger er bekämpft wird. Der unsterbbare Führer im Herzen. Er ist die Quelle des sich perpetuierenden Antifaschismus. Der Kampf um die Isolation des Innen-Bunkers verbraucht die Energie, die dem Bewußtsein fehlt, die Ambiguität oben zu erfahren. Der innere Bunker wird äußerer Feind innerhalb des ideologischen Elaborats, welches das spärliche Bewußtsein gerade noch so zu produzieren in der Lage ist.
Vielleicht sind die Aktiv(i)sten die, deren familiäre Tradition in die Gruppe der NS-Führer zurück weist. Exerzitien der Ablehnung von Tugenden wie Können, Wissen, Intelligenz, streitbarer Mut, Wahrhaftigkeit wurde ein System der Ablehnung, des Negativismus entwickelt, als Waffe, den inneren Bunker zu zerstören.
Nämlich, daß es Volk, Heimat, Mann, Frau, Kind, Leben nicht mehr gebe, bzw. nur in der Vorstellung. Als könne man mit dieser auch die innere Panzer-Festung weg-denken, weg-wünschen, abschaffen.
Möglicherweise hat der Eine oder Andere der unmittelbar Beteiligten seinen inneren Burgfrieden gemacht. Der Grad des persönlichen Engagements im Nationalsozialismus wird dabei eine Rolle gespielt haben. Eine Proportion zwischen Schuld und Zerknirschung besteht nicht, die Mit-Schuldigen, die ein Gewissen haben sind es, die ihr Haupt hinterher am meisten mit Asche bestreuen.
Kollektivschuld zu haben ist so absurd, wie Verantwortung im Team. Sich Antwort zu geben ist individuell. Es gibt die persönliche Verantwortung Vieler. Nach meiner jetzigen Erfahrung gehört sie zum Erbteil, einem, welches man nicht ausschlagen kann. Tradition hat viele Linien, auch unterirdische.
Möglicherweise ist durch die Bewältigung des Nationalsozialismus eine Lücke weitergegeben worden. Die Lücke, wo der innere Bunker steht.
Kann es sein, daß diese umso virulenter ist, je unbefangener die unbeteiligten Nach-Fahren sie weitergeben?
Der Weg über die zweite Diktatur, die die Mehrheit der Deutschen für unschuldig erklärt hat. Kommt mit der Überwindung der verordneten Un-Schuld die Schuld zurück?
Der Sturz der SED entfernte den verordneten (inner wie äußer) Panzer. Hervor kam das Ressentiment gegen das Andere und die Immunität durch die Erfahrung der Angst.
Die geistige Auseinandersetzung jetzt: der Ganze Mensch gegen den Reeducateten. Flankiert von den Ressentiments.

Gulag für die Vernunft

Kommunismus ist politische Romantik, eine Sehnsucht auf Veränderung, die in die Zukunft und die Vergangenheit projiziert wird. Die Strategie der Ideologen geht auf einen Endsieg hin, den des Reichs der Freiheit und Sorglosigkeit. Am Anfang der Geschichte des Menschen, so wird angenommen, gab ein Reich der Freiheit, daß nun wiederkommen würde. Durch den Besitz von Privateigentum wurde es zerstört.
Das Reich der Freiheit wird neu erlangt, indem das Privateigentum zerstört und damit auch der westliche Mensch, der Unteilbare, das Individuum, denn das Individuum ist an das Private, das Privateigentum gebunden. Die Freiheit, die eine Voraussetzung und Ergebnis souveräner Tatkraft ist, diese Freiheit ist nicht die des chorisch handelnden Menschen, den der Kommunismus und der den Kommunismus hervorbringt. Es ist der, der immer nicht konnte, wegen der Umstände.
Die Freiheit des Individuums und das freie Individuum sind die Totfeinde des Kommunismus, die Freiheit des Kommunismus dagegen ein Versprechen ins Jenseits dem chorischen Menschen. Eine Rearchaisierung. Das Individuum, das aus dem Chorischen ausbricht, muß selektiert werden, wie es Lenin, Trotzki, Stalin, Mao oder Pol Pot praktizierten. Jedoch die Seele, laut Sarah Kirsch, ein bourgeoises Subjekt, solange es Menschen gibt. Der Neue Mensch der Kommunisten im Sinne Mussolinis: Die Freiheit bin ich. Auch durch Ausmordung alles Individuellen war er nicht zu bekommen.
Haben wir es heute mit einem völlig neuen Menschen zu tun, einem der das freiwillig will?
Der sich aus einer Reihe von Angeboten ausgerechnet das wählt, das ihm einen Ausweg aus den Zumutungen der Freiheit zeigt. Die Freiheit von der Freiheit. Die Freiheit von den Zumutungen des Selbst an das Ich.
Er ist ein Anhänger aus Eigensucht. Was er in seinem armseligen Konsum erworben hat, möchte er behalten. Er hofft auf das lebenslange Wohnrecht im Bedingungslosen, wie der Muselmann auf die Jungfrauen. Würden die Ideologen gewinnen, würden sie ihm das schon austreiben!
Wenn in einer freien Gesellschaft ein lang anhaltender Zustand subventionierter Verwahrlosung entsteht, geht der Blick auf die verloren, die die Voraussetzungen erarbeiten. Ist dieser Zustand in eine Dekadenz des Irrationalen transzendiert, die jede praktische Vernunft mit einem Schwertstreich beenden würde, bleibt als aberwitzige Lösung nur der Kommunismus und der Gulag für die Vernunft.

Integriert Hitler!

Das Problem, das angesprochen wird, wenn vom Denkmal der Schande die Rede ist.
Die deutsche Erzählung: Wir haben das getan, es tut uns leid, wir wollen es nie wieder tun. Das wird nicht ohne den Tonfall ausgesprochen, den Broder Sündenstolz nennt, eine Selbstgerechtigkeit nämlich, die die Leistung erbringt, das Getane in eine Bad-Bank zu drücken, diese aus dem Volkskörper autzusourcen in ein Reich, wo der Beschämte zum moralischen Sieger wird, der mit dem Finger auf die Bad-Bank deutet.
Der Film über Churchill, Die dunkelste Stunde zeigt den Unterschied. Eine Nation, die stolz ist, Stolz hat und ihn aus der Bedrohung heraus neu entwickelt. Zu welcher historischen Situation wäre so ein Film über Deutschland möglich?
Wir werden weder Hitler noch Babi Jar los, jeder hat recht, der die Motive für den Bau des Holocaust-Mahnmals in Frage stellt. Zuallererst die Überlebenden und die Nachfahren der Ermordeten.
Integriert Hitler!, müßte man den Deutschen, müßten wir uns zurufen. Betrachten wir ihn als Teil von uns, den wir nicht loswerden.
Auch eine Bad-Bank verlangt am Ende nach einer Bilanz. Minus bleibt minus.
Es gibt allerdings eine deutsche Stolz-Erzählung. Der Sieg über die SED. Dabei folgende Momente: Die Scham eigenen Mittuns als Kraft-Impuls zur Überwindung der Angst vor der Rebellion. Das spielt sich im Einzelnen ab, kann aber zu einem kollektiven Glücks-Moment werden. Diesen Moment des Auf- und Ausbruchs eines Volkes als Erzählung werden zu lassen, ist offensichtlich nicht gelungen.
Dafür der törichte Tischkreis, der das dürre Gespenst des Kommunismus erneut beschwört. Die alte Bad-Bank wird als Simulation von Gefahr benutzt.
Als würde das kollektive Unbewußte der Deutschen ein merkwürdiges Drama inszenieren und Anstrengungen unternehmen, es real werden zu lassen.

Die einen im Volk sind Nazi und werden es immer bleiben. Die Guten bekämpfen sie und überwinden damit die böse Vergangenheit. Dabei wird eine Situation der Unfreiheit geschaffen. Der Kampf gegen die deutsche Industrie, das Kapital, das den Faschismus erst ermöglicht hat, aber auch den Wiederaufbau und damit die Nazis im Volk konserviert hat. Es schlägt um, die Nazis werden die Guten und retten deren Seelen und die Freiheit, alles verschmilzt, endlich gibt es die gesamtdeutsch-stolze Erzählung.

Das Holocaust-Mahnmal ein Denkmal der Schande zu nennen ist der erfolglose Versuch, Babi Jar als Erzählung ungeschehen zu machen. Es ist aber auch das Buhrufen am Rande des Selbstapplauses.

Außerfamiliäre Agression

G vergesellschaftet ihre privaten entwicklungspsychologischen Probleme. Das Versagen von Mutter und Vater wird auf alle anderen übertragen. Die Welt ist die Zumutung, nicht die Eltern. G kann mit diesem gegen Alle gegen ihre Eltern sein, ohne sie zu beschädigen. Das Drama des begabten Kindes.
Das Private ist der Rückzugsraum des bürgerlichen Subjekts. Diesen zu vergesellschaften als Kommunalka, militärischen Drill, Gulag, frühmöglichste staatliche Erziehung ist das eigentliche Ziel des Linken, der die Gesellschaft für das Versagen der Eltern verantwortlich macht. An seiner Zerstörung sollen Alle teilhaben. Daß das Private politisch definiert wird und damit Schutzräume in Kriegsschauplätze verwandelt werden, in denen der Einzelne sich permanent rechtfertigen muß.
Gs Agression vor der UNO ist eine Kriegserklärung, wenn auch eine ihres Unbewußten, aber mit Bewußtsein Ausgestattete sollten dem Rechnung tragen.

Bad Bank der schönen neuen Welt

Die unbedingten Befürworter einer gerade mal eben neuen Welt haben das Problem des Dualismus für sich gelöst. Zeozwei mit C wie Kapitalismus ist die Revoluzze, bei der man noch Lampen putzen kann.
Die eigenen Zweifel werden in eine Bad-Bank gepackt und indirekt werden alle, die nicht am unteilbaren Scheinbaren teilhaben wollen in dieser abgelegt. Für eine Bad-Bank muß am Ende die Allgemeinheit aufkommen, die Minusbeträge auszugleichen, diese hier besteht plötzlich aus lebenden Menschen. Man wird dem Rechnung tragen müssen.

Don Quichote

Verteufeltes, erschreckliches Pack, gebt sogleich die edlen Prinzessinnen frei, die ihr in dieser Kutsche verschleppt. Wo nicht, seid ihr eines raschen Todes gewärtig, als gerechte Strafe für eure bösen Werke.

Eine Ungeheuerlichkeit, die nicht zu übertreffen ist, da sie den Ort dort verlassen hat, wo wir Urteil und Maß anwenden können. Die Situation, auf die Don Quichote trifft, hat absolut nichts mit dem zu tun, was er sagt. Man kann ihn also nur noch wortwörtlich ernst nehmen oder sich von dem Wahn abwenden, kopfschüttelnd.
Insofern gleicht das dem heutigen linken Aktivismus. Nähme man das, was da abgesondert wird, wirlich ernst, begäbe man sich in eine aberwitzige Achterbahnfahrt, aus der man ohne Schaden an Leib und Seele nicht herausfindet. Da ist die Situation des Ritters komfortabel gegen. Er wird wieder verhauen werden und sich als moralischer Sieger sehen. Allerdings geht es auch dem Knappen schlecht. Sancho versucht opportunistisch aus der Situation Profit zu ziehen und wird ebenfalls verhauen.

Don Quichote

Mein Name sei Don Quichote von der Mancha. Zum Ende seiner ersten Ausfahrt vergleicht er sein Schicksal mit dem der Helden aus seinen Romanen. Er ist arg verprügelt worden, weiß er noch wer er ist? Dem Bauern aus seinem Dorf, der sagt, er wäre doch der Herr Quijana, antwortet er: Ich weiß, wer ich bin.
Daß er sich entscheidet für einen Namen, mit dem er für seinen Wahn, sein Tun verantwortlich zeichnet.

Vierzig Jahre Woodstock, eine Stunde arte

Ich zappe immer wieder weg. Menschenmassen zu beobachten, wie aus der Totale in das Einzelne gezoomt wird, das hier den Status des Besonderen bekommen soll, den es aber nicht hat, langweilt.
Einer der Veranstalter stellt das Utopische über das finanzielle Desaster des Festivals und begründet den Pop-Mythos, der es nach 15 Jahren Schuldentilgung in die Gewinnzone schiebt.
Innerhalb der Stunde Zuschauens wachsen in der vergangenen Festivalzeit die Müllberge. Der Regen läßt sich auch durch Regentanz nicht vom Fallen abhalten.
Ich steige bei Richie Havens ein und bei John B. Sebastian aus.
Joan Baez singt Joe Hill, ich glaube kein Wort. Sie hat in ihrem ganzen bisherigen Leben weder ein Bergwerk, noch eine Fabrik von innen gesehen. Wahrscheinlich trifft es auch auf die Autoren des Songs zu. Sie schaut verlogen bis ins Mark. Aber sie bedient ein Etwas, dem Protest einen proletarischen Background zu geben.
Das sind allesamt nette Kinder. Man telefoniert nach Hause, Mama zu sagen, daß man noch lebe und es nicht so schlimm wäre, wie in den Nachrichten. Die Minderheiten, für deren Freiheit man ja auch dort sitzen würde, sind die Ausnahme, sie werden von der Kamera fixiert. Das Publikum ist weiß und keine Arbeiterklasse.
Für wen singt und schreit Richie Havens nach Freiheit? Daß er sich dort mutterseelenallein findet: für sich selbst?
Die meisten meiner Punkte für die Musik gehen nach Great Britain. The Who, Alvin Lee und Joe Cocker. Thats Rock’n Roll! Alvin Lee erzeugt eine Grundspannung kurz unterhalb der Extase: in Riffs! Dann springt er geschwind, gezupft, gekonnt immer wieder knapp über diese Linie.
Das ist für The Who Teil der Show als zornige junge Männer. Kein weiterer Kommentar, wer das so kann, dem glaubt man das, der glaubt das selbst und kann es auch deswegen.
Die rudernden Arme des Klempners aus Sheffield, der gewiß etwas Hilfe seiner Freunde braucht. Nur gerade da nicht, wo es um die Kunst geht, jeder Einsatz sitzt, jeder Ton wird getroffen, um nur annähernd festzustellen, was diesen Auftritt so besonders macht.
Die blauen Augen von Grace Slick, ihre Stimme erzeugt mit der E-Gitarre einen besonderen Sound. Leider hält er nicht, was er verspricht, die musikalischen Ideen von Jefferson Airplane verläppern sich. Sie spiegeln ihr Publikum, auch äußerlich. Grace Slick steht am Bühenrand und beißt sich vor Eifersucht auf die Lippen, während sich ihr männlicher Kollege produziert.
Bei John B. Sebastian schalte ich aus, soviel Banalität ist kaum zu ertragen, sein wichtigster Beitrag ist die Bitte, etwas Müll mit nach Hause zu nehmen.

Don Quichote

Zuerst wähnen wir, Don Quichote würde die Illusion über die Wirklichkeit stellen und wir als Beobachter (an Sanchos Seite) wüßten Bescheid.
Aber löst er nicht den Widerspruch zwischen Denken und Handeln, indem er mit Ernst und Würde in seine Rüstung steigt? Ist es nicht sogar ein Privileg, dies konsequent und immer tun zu dürfen und verbindet ihn das nicht mit allen Arbeitern, für die Pause, Freizeit und fertig machen nicht zu existieren scheinen?
Don Quichote genießt die Anerkennung durch die Welt, indem er den Spott nicht hört. Die Spötter müssen sich fragen, was Illusion ist, ihr Spott oder der Wahn Quichotes. Sie kehren dahin zurück, wo sie täglich gegen ihre Vorsätze verstoßen, die möglicherweise in ihrer Unerfüllbarkeit selbst Illusion sind. Oder die Befriedigung über ihre Erfüllung. Den Ritter ficht das nicht an. Er reitet in den nächsten Konflikt, den er (er)findet. In den er eingreift und mit dem er eigentlich nicht zusammenkommt. Nach jedem Konflikt hat sich die Situation geändert, die Intervention jedoch niemals das Gewollte erreicht. Die Determination geht eigene Wege oder existiert möglicherweise garnicht.
Don Quichote stellt die Frage nach dem Schicksal, die uns bis heute dahingehend beruhigt, daß wir ja nicht anders handeln konnten. Der Don schon.